Die Welt erlebt einen rasanten Verlust an Tieren und Pflanzen, den es so noch nie gegeben hat. Das große Sterben hat der Mensch verursacht. Und es hat Deutschland erreicht. Wo Insekten seltener werden, kann es auch Vögeln nicht gut gehen. Lesen Sie hier, wie es um Deutschlands Brutvögel steht.

Wie geht es Deutschlands Vogelarten?

© Thomas Krumenacker für ZEIT ONLINE

70 Prozent der Agrarlandvögel verzeichnen Rückgänge im Bestand.

2020 wird eine aktualisierte Rote Liste der bedrohten Brutvögel herauskommen, in der sie nach Gefährdungsstatus neu eingeteilt werden. Die aktuell gültige Liste wurde im Jahr 2016 veröffentlicht und berücksichtigt Daten aus Beobachtungsstudien, die bis 2009 reichen. Sie zeigt: Vielen bei uns heimischen Vogelarten geht es nicht gut. Fast die Hälfte wird als gefährdet eingestuft. Und auch unter vielen anderen geht der Bestand zurück.

Vergleicht man Zahlen aus dem Jahr 1990 mit heutigen, nimmt der Bestand jeder dritten Vogelart ab. Bei den Agrarlandarten, die Weiden, Wiesen und Felder bewohnen, sind es einer Analyse der Deutschen Ornithologischen Gesellschaft zufolge sogar fast 70 Prozent. Vielen Menschen bleibt das Vogelsterben jedoch verborgen: Denn die oft sichtbaren Stadtvögel sind vom Rückgang kaum betroffen. Amsel und Buchfink sind mit jeweils mehr als acht Millionen Brutpaaren mit Abstand die häufigsten Vögel hierzulande.

Welche Arten sind besonders gefährdet?

Die auf dem Boden brütenden Vögel der Agrarlandschaft sind am stärksten in Gefahr. Nach Angaben des Bundesamts für Naturschutz aus dem Jahr 2017 ging die Zahl der auf Feldern, Äckern und Wiesen brütenden Vögel in Europa zwischen 1980 und 2010 um ganze 300 Millionen Paare zurück.*

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300 Millionen Paare an Bodenbrütern gibt es weniger in Europa, wenn man die Zahlen von 1980 mit 2010 vergleicht.

Dieser Abwärtstrend hat sich zuletzt für einige Arten sogar noch beschleunigt. Schaut man sich den Rückgang in Deutschland an, so haben etwa Rebhuhn (Perdix perdix) und Kiebitz (Vanellus vanellus), die früher häufig im Kulturland zu finden waren, im Vergleich zu den Neunzigerjahren etwa 90 Prozent ihres Bestandes eingebüßt. Der früher als "Spatz der Wiese" bekannte Wiesenpieper verlor drei Viertel und das Braunkehlchen weit mehr als die Hälfte seiner Brutpaare.

Wie werden Vögel gezählt?

Vor allem Hobbyornithologen beteiligen sich an Zählungen. Im Rahmen sogenannter Citizen-Science-Projekte tragen sie Vogelsichtungen zusammen, etwa auf dem Onlineportal ornitho.de. Um Brutvögel nicht zu stören, werden dabei selten Nester gesucht, stattdessen wird der Gesang eines Männchens im Frühjahr als besetztes Revier bewertet. Auch Vögel, die nur Zwischenrast einlegen oder in Deutschland überwintern, werden erfasst. Koordiniert und statistisch aufbereitet werden diese Zählprogramme vom Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA). Alle sechs Jahre müssen die EU-Staaten der Kommission einen Bericht zum Zustand ihrer Vogelwelt abgeben.

Zweimal im Jahr ruft zudem die Umweltorganisation Nabu zur größten Citizen-Science-Aktion des Landes auf: Zur Stunde der Gartenvögel im Mai und zur Stunde der Wintervögel im Januar. Das nächste Mal sind am zweiten Januarwochenende alle Bundesbürger aufgerufen, an einem Tag für genau eine Stunde im Garten, im Park, vom Balkon oder Fenster aus Vögel zu bestimmen und zu zählen (Wie es genau geht, erklärt das Video oben).

Ist die Landwirtschaft schuld?

Im Grunde ja. Der massenhafte Einsatz von Pestiziden, von Dünger und die starke Landnutzung sind die Hauptursache für den Rückgang der Arten, was auch eine neue Analyse der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft bestätigt. 2.500 Forschende forderten kürzlich in einem Brandbrief an das EU-Parlament eine ökologische Wende. Es gebe einen "einhelligen wissenschaftlichen Konsens" darüber, dass der Verlust der Artenvielfalt maßgeblich auf die landwirtschaftliche Praxis zurückzuführen sei.