Wird Deutschland zu grün, um wahr zu sein? – Seite 1

Der Hambacher Forst an der Abbruchkante der rheinischen Braunkohlekrater ist ein Symbol für das nahende Ende des fossilen Zeitalters. Dabei denken die meisten erst mal an Strom aus Wind und Sonne, doch Ulrich Schurr vom Forschungszentrum Jülich will auch nachwachsende Rohstoffe produzieren und nutzen. Geht es nach ihm, dann soll die welkende braune Ökonomie mithilfe biologischer Rohstoffe und biotechnologischer Innovationen als grüne Kreislaufwirtschaft neu erblühen. "Bioökonomie-Revier", so nennt der Pflanzenforscher die Idee für das große "Reallabor". Es wäre ein Modell für eine Nachhaltigkeitsvision, die in diesen Tagen deutschlandweit ins Rampenlicht gestellt wird.

Denn 2020 soll das neue Wissenschaftsjahr über Bioökonomie aufklären, die in der breiten Öffentlichkeit bisher kaum bekannt ist. Am Donnerstag wird die Bundesforschungsministerin im Berliner Zukunftsmuseum Futurium den Startschuss für Projekte und Debatten landauf, landab geben. Außerdem brachte Anja Karliczek am Mittwoch schon gemeinsam mit der Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner die neue "Nationale Bioökonomiestrategie" durchs Kabinett.

Eigentlich sollten Klöckner und Karliczek das Papier schon vor vielen Monaten fertig haben. Die zähen Verhandlungen mit anderen Ressorts sind ein Hinweis darauf, dass das Thema nicht nur zukunftsweisend ist, sondern auch ziemlich umstritten.

Die Wirtschaft soll Ressourcen sparen und auf neue Ideen kommen

Dabei hängt die Bundesregierung die Bioökonomie hoch: Sie werde "entscheidend" zur Lösung der ganz großen globalen Herausforderung beitragen, "einer wachsenden Weltbevölkerung wirtschaftlichen Wohlstand und das Recht auf Entwicklung zu ermöglichen" – dabei aber zugleich "die Lebensgrundlagen für Menschen, Tiere und Pflanzen durch einen geringeren Ressourcenverbrauch zu erhalten", heißt es in der Strategie. Mit diesem Ziel sollen Wissenschaftlerinnen und Forscher Funktionsweisen, Überlebenstricks und Zusammenspiel natürlicher Systeme immer genauer erkunden, um die Wirtschaft zu mehr Sparsamkeit beim Ressourcenverbrauch und neuen Ideen zu inspirieren.

Schon jetzt werden Ackerpflanzen, Algen oder Bioabfälle in Lebens- und Futtermittel verwandelt oder auch in Grundstoffe für die unterschiedlichsten Branchen. Pflanzenzüchter, Bioinformatikerinnen und Biotechnologen suchen überdies gemeinsam mit Materialforscherinnen und Ingenieuren nach biologischen Baumaterialien aus Holz und Hanf oder neuen Agrar-, Produktions- und Logistiksystemen. Bei all dem hilft die Verschmelzung von Digitalisierung und Biotechnologien. In beiden Disziplinen galoppieren die Fortschritte – auch das ist eine Antriebsfeder der bioökonomischen Forschung.

Vom Turnschuh aus Spinnenseide bis Möbel aus Pilzen

In Berlin stellten Klöckner und Karliczek einen weitgehend biologisch abbaubaren Fahrradhelm aus Holz und einen Turnschuh aus Spinnenseide vor. Das sind Beispiele aus einem viel breiteren Spektrum der Bioökonomie-Innovationen, an denen gearbeitet wird. Es reicht von Kleidern und Möbeln aus Pilzen über Lebensmittel aus Insektenprotein bis zum Hightech-Urban-Farming. Im Odenwald erzeugt die kleine Bioraffinerie Biowert aus Grasschnitt Terassenplatten, Dämmstoffe und Biogas. Dresdner Forscherteams entwickeln biologisch abbaubare Elektronikteile und Implantate. In Dortmund will das Start-up b.fab Chemikalien aus CO2, Wasser und Ökostrom erzeugen, auch unter Mitwirkung gezielt veränderter Bakterien und Hefen.

Für solche und viele andere Ansätze geben Agrar- und Forschungsministerium eine Menge Geld aus. 2,4 Milliarden Euro waren es allein in den vergangenen sechs Jahren. Bis 2024 wird mit 3,6 Milliarden Euro sogar noch mehr geklotzt. Wegen solcher Anreize sind bereits neue Hochschulprofile, Fakultäten und Studiengänge entstanden, außerdem Innovationscluster wie das CLIB 21 in Nordrhein-Westfalen. Eines seiner Mitglieder ist das Forschungszentrum Jülich, an dem Ulrich Schurr das Zusammenwirken zwischen dem Erbgut der Pflanze mit seiner Umwelt erforscht.

Seine Vision für das Bioökonomierevier malt der umtriebige Wissenschaftler schon bildhaft aus: Auf den degradierten Böden des Tagebaus werden in Zukunft robuste Pflanzenzüchtungen getestet, die in Zeiten der Flächenknappheit und der Klimaerhitzung gebraucht werden. Mini-Agrarroboter ermöglichen einen ökologisch wertvollen Mischfruchtanbau, weil ihre Sensoren jede Pflanzenvariante einzeln erkennen und ernten können. Bioraffinerien schneiden Grundstoffe auf die Bedürfnisse regionaler Pharma-, Lebensmittel- oder Chemiefirmen zu. Auch die Zuckerfabriken im Rheinland liefern nicht mehr nur Süßes, sondern auch Basischemikalien. Bei all dem soll des einen Abfall zum Ausgangsmaterial für des anderen Produkt werden. Eine regionale Bioökonomie könne bei den Transporten Nachhaltigkeitsvorteile haben, meint Schurr.

Konflikte wie beim Biosprit und Biogas sollen verhindert werden

Kreislauffähigkeit, Nachhaltigkeit, Klimaneutralität: All diese Schlagworte stehen auch in der neuen Regierungsstrategie. Nachdem die ersten großen Testläufe, Biosprit und Biogas, zu Beginn des Jahrtausends weltweit Landkonflikte und die Ausbreitung von Monokulturen zur Folge hatten, ist die Aufmerksamkeit für solche Zielkonflikte auf den 43 Seiten gewachsen. Vor allem das Bundesumweltministerium drängte darauf, die Grenzen der Ökosysteme zu betonen, bei Böden, Wasser und Wäldern. Neue Technologien, heißt es immer wieder, sollten noch stärker im gesellschaftlichen Zusammenhang erforscht und auch die Bürger dabei einbezogen werden.

"Grüner Deckmantel für die Agro-Gentechnik"?

Umwelt- und Entwicklungsorganisationen, die sich zu einem "Aktionsforum Bioökonomie" zusammengetan haben, bleiben skeptisch. Sie befürchten, dass Ackerflächen und Wälder trotzdem noch stärker unter Druck geraten. Zudem misstrauen sie der Bioökonomie als "grünem Deckmantel für neue Anwendungen der Agro-Gentechnik".

Tatsächlich kommt das Wort Gentechnik im Papier der Bundesregierung nicht ausdrücklich vor. Crispr/Cas, Gene Drive und andere neue Methoden verbergen sich aber hinter Begriffen wie "moderne molekularbiologische Ansätze" oder "synthetische Biologie". Sie können Mikroorganismen gezielt für effiziente Produktionsverfahren umprogrammieren. Das ist weniger umstritten als ihr Einsatz in der Pflanzenzucht. Darüber ist man sich auch am Kabinettstisch der Bundesregierung nicht einig: Während Julia Klöckner und Anja Karliczek "eine sachliche Diskussion" fordern und für eine Öffnung des Gentechnikrechts für neue Methoden plädieren, gibt es im Umweltministerium Vorbehalte.

Der grüne Bundestagsabgeordnete Harald Ebner forderte überdies, noch besser als grüne Materialien sei es, den Verbrauch insgesamt zu senken. Die enormen Mengen von Einwegplastikbechern dürften "nicht einfach durch dieselbe Zahl Einwegbecher aus Pappe oder Pflanzenplastik ersetzt werden".

Wie soll das Wissen Praxis werden?

Aber auch passionierte Protagonisten der Bioökonomie, die ihre Innovationen als Chance für neues Wirtschaftswachstum sehen, werden mit der Regierungsstrategie nicht rundum zufrieden sein. Der Bioökonomierat etwa, bis vor Kurzem das wissenschaftliche Begleitgremium der Bundesregierung, wünschte sich mehr Vorschläge, wie das schöne neue Wissen auch zur Praxis wird. Er schlug zum Beispiel eine ökologische Steuerreform vor. Denn nachhaltig erzeugte Produkte sind oft nicht konkurrenzfähig, solange der Ölpreis niedrig ist. Doch wer nach konkreten Instrumenten für bessere Marktchancen sucht, der findet wenig.

Anja Karliczek argumentiert zwar, eine steigende CO2-Bepreisung werde die Bioökonomie "auch aus wirtschaftlicher Sicht noch interessanter machen". Doch das ist höchstens ein Puzzlestein.

Einen konkreten Umsetzungsplan soll erst ein neues Begleitgremium erarbeiten. Diese Expertenrunde muss aber noch ernannt werden, und auch sie war Anlass für Meinungsverschiedenheiten in der Regierung. Das Forschungsministerium wollte nur Wissenschaftler und Vertreter der Länder darin sehen. Auf Betreiben des Umweltministeriums sollen jetzt aber wohl auch Naturschutzorganisationen mitwirken können.

Ulrich Schurr trommelt derweil schon mal für sein Bioökonomierevier. Aus Berlin hat er 25 Millionen Euro Startgeld bekommen, um in einem offenen Diskussionsprozess eine konkrete Strategie zu finden, erste Innovationslabore und regionale sowie kommunale Netze aufzubauen. Sie sollen nicht nur einzelne Produkte erzeugen, sondern Wirtschaftskreisläufe und Wertschöpfungsketten langfristig entwickeln. Die Voraussetzungen dafür seien günstig in der Region zwischen Tagebau und Rübenäckern, die viele Forschungsinstitute, gute Böden und Hunderte großer und kleiner Unternehmen vereint, meint Schurr. Doch leicht ist es nicht, sie alle mit Politikern, Umweltschützern und interessierten Bürgern an einen Tisch zu bringen. Der Pflanzenforscher hofft, dass nicht zuletzt die Chance für eine neue regionale Identität das Bioökonomie-Revier voranbringt. "Der Name Hambacher Forst wird vielleicht irgendwann nicht mehr mit dreckiger Kohle und Demonstrationen verbunden, sondern mit den Vorreitern einer nachhaltigen Wirtschaftsform."