Um zu denken, braucht der Mensch Kategorien. Er verhackstückt die Wirklichkeit kognitiv, sortiert und etikettiert: Tiere und Menschen. Erwachsene und Kinder. Männer und Frauen. Während das meistens eher unbewusst passiert, wird es in der Wissenschaft zu einer Frage der Methode. Wie teilt man das Beobachtete ein? Welche Kategorien muss man ansetzen, und wie starr sollen deren Grenzen sein?

Marie-Luise Vollbrecht, Biologie-Doktorandin an der Berliner Humboldt-Universität, hat sich für eine unverrückbare Sichtweise entschieden. Ihr Vortrag "Geschlecht ist nicht (Ge)schlecht, Sex, Gender und warum es in der Biologie zwei Geschlechter gibt", den sie während der Langen Nacht der Wissenschaften halten sollte, wurde seitens der Universität kurzfristig gestrichen. Wegen Sicherheitsbedenken, da Aktivistinnen und Aktivisten Vollbrecht transfeindliche Thesen bescheinigen. Nicht zuletzt, weil die Doktorandin Anfang Juni in der Welt gemeinsam mit fünf Autorinnen und Autoren einen Gastbeitrag veröffentlichte. Darin warfen sie dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk unter anderem die Verbreitung einer "Transgender-Ideologie" in Kindersendungen vor. Nun heißt es, Vollbrecht sei gecancelt worden, dabei läuft ihr Vortrag mittlerweile auf YouTube und soll an der Humboldt-Uni im Juli nachgeholt werden. Auch in der ZEIT schrieb sie, worum es ihr geht.