Zeit: Zur Attraktivität eines Faches gehört auch seine internationale Sichtbarkeit. Wir investieren sehr viel Forschungsgeld in die Technischen Universitäten, aber mit wissenschaftlichen Ergebnissen in internationalen Publikationen werden wir kaum sichtbar. Milberg: Es gibt anders als in den Naturwissenschaften keine internationale Zeitschrift der Ingenieurwissenschaften, die so ein Renomee hätte wie etwa Nature oder Science. Dieser Bereich ist seltsamerweise überall eher landesorientiert. Wir publizieren durchaus viel, auch bei den ingenieurwissenschaftlichen Publikationen aus Deutschland könnte man von einer Flut sprechen. Aber diese Publikationen werden international weniger zitiert. Sie werden in Österreich gelesen, in der Schweiz, in anderen europäischen Nachbarländern, in denen die deutsche Sprache zum Teil noch beherrscht wird. Aber sie werden in England, in den USA und in anderen Ländern nicht so zur Kenntnis genommen, wie sie es verdient hätten. Früher hat man in der Wissenschaft auch international sehr viel mehr deutsch gesprochen. Es gab internationale Kongresse, auf denen man dreisprachig diskutiert hat. Dies hat sich aber spätestens nach dem Krieg dramatisch geändert. Zeit: Muss man nicht auch in den Ingenieurs- und Technikwissenschaften internationale Studienabschlüsse diskutieren, wie sie jetzt stellenweise in den Naturwissenschaften etabliert werden? Milberg: Ich habe immer wieder behauptet, dass die Ausbildung im Bereich der Ingenieurswissenschaften in Deutschland fachlich wirklich Spitze ist – bei den schon genannten Zusatzqualifikationen trifft das leider nicht so zu. Wenn Sie sich die Ausstattung der Institute in den deutschen Universitäten anschauen, die Leistungsfähigkeit des Personals, der Professoren und Assistenten, dann können die durchaus im internationalen Vergleich mithalten – auch mit Spitzenuniversitäten im Ausland. Da gibt es durchaus Pendants zu den amerikanischen Universitäten in Deutschland. Das deutsche Ausbildungssystem mit Vordiplom und Hauptdiplom hat ja eine ganz andere Systematik als das Bachelor- und Master-System der Angelsachsen. Das Vordiplom ist kein berufsqualifizierender Abschluss sondern ein Zwischenschritt. Bei uns steht die Theorie am Anfang und dann folgt die Übertragung ins Praktische. Dagegen ist der Bachelor schon ein berufsqualifizierender Abschluss. Und der Schritt vom Bachelor zum Master ist die Vertiefung der Theorie, um die wissenschaftliche Basis zu stärken. Das sind zwei Systeme, die einfach nicht kompatibel sind. Dennoch müssen wir uns in Deutschland dem internationalen Vergleich stellen. Es gibt Bildungspolitiker und Hochschullehrer, die sagen, Vordiplom und Hauptdiplom seien Ausdruck unseres Kulturkreises. Das kann ich durchaus nachvollziehen. Auf der anderen Seite sind Technik, Wirtschaft und Ausbildung so international geworden, dass ich glaube, wir müssen uns möglichst schnell an international vergleichbare Abschlüsse herantasten. Darin sehe ich sogar eine Riesenchance. Das deutsche Vordiplom und Hauptdiplom haben einen guten Klang in der Welt. Warum sollte es uns mit dieser hohen Qualifikation, die wir an den deutschen Hochschulen liefern, nicht genauso gelingen, den besten Bachelor- und den besten Master-Studiengang weltweit aufzubauen, und daraus wieder ein Markenzeichen zu machen.Zeit: Technische Ausbildungsstätten wie das Caltech oder das MIT, haben es geschafft, sich ein Image zu geben, immer ganz vorne dran zu sein. Dagegen haben die RWTH Aachen, die TU München oder die TU Berlin doch eher ein bodenständiges Image. Woran liegt das? Milberg: Ich glaube, MIT oder Caltech haben es wirklich geschafft, sich ein gutes Image aufzubauen und sich als Marke zu etablieren. Das ist unseren Universitäten so noch nicht gelungen. Ich glaube aber nicht, dass die Qualität der Ausbildung wirklich unterschiedlich ist. Ich glaube auch nicht, dass in der Spitze der Forschung so große Unterschiede bestehen. Aber es ist sicher so, dass es gerade in diesem Punkt der Imagebildung und des Markenprofils Raum für Verbesserung gibt, um es mal vorsichtig auszudrücken. Aber wer bestimmt die Markenwahrnehmung, also das Image einer Hochschule? Langfristig doch wohl nur die Absolventen und deren Leistungen und Erfolgsgeschichten in Forschung und Wirtschaft. Was in den USA besser funktioniert, ist die persönliche Bindung der Absolventen an ihre Hochschulen. Wenn aus ihnen später etwas geworden ist, sie Geld verdient haben, unterstützen sie ihre Hochschulen, sei es durch Spenden oder durch Kooperationen. Das geschieht über einen längeren Zeitraum. Und wenn eine gute Absolventenbindung zu einer Institution vorhanden ist, dann trägt das auch zur Markenbildung bei. Das ist ein Schneeballeffekt.Eine amerikanische Universität ist natürlich sehr viel mehr wie ein Unternehmensmodell organisiert und geführt. Eine deutsche Universität ist viel eher ein Netzwerk. Da sind der Präsident und der Senat Koordinierungsgremien, und die Institute und Lehrstühle sind relativ starke dezentrale Einheiten. Als ich in München für das Institut für Werkzeugmaschinen und Betriebswissenschaften verantwortlich war, habe ich natürlich meine eigenen Alumni-Organisation gegründet. Bei den Treffen ist eine erstaunlich hohe Präsenz festzustellen. Da sind erhebliche Bindungen vorhanden. Diese Bindungen werden in Deutschland allerdings eher auf der Institutsebene geknüpft. Aber das auf die Hochschulebene zu übertragen und damit die Marke Universität zu stärken, darin sehe ich eine Riesenchance.Zeit: Aber Marken werden nur dann stark, wenn sie auf breite Akzeptanz stoßen. Ist Deutschland zu innovationsfeindlich? Milberg: Ich glaube nicht, dass wir ein technikfeindliches Umfeld haben. Aber es ist ein Unterschied, ob ich etwas billigend in Kauf nehme, abwartend beobachte oder ob ich sage, "Donnerwetter, die haben ja tolle Ideen, lass uns mal gucken, was da so geht." Das MIT und auch die Kollegen in Kalifornien arbeiten in einem Umfeld, wo eher die Frage gestellt wird: "Toll, was kann man daraus machen?" Kann man eine Firma gründen? Kann man einen Markt bedienen?