Zeit: Mit Akatech wollen Sie voranmarschieren. Der Untertitel "Konvent für Technikwissenschaften" klingt jedoch eher traditionsorientiert. Milberg: Wir stehen am Anfang einer längeren Reise. Vielleicht darf ich mal sagen, was mich ganz persönlich bewegt, Akatech voranzutreiben. Ich habe zwei Motivationen. Die eine haben wir bereits beleuchtet: Deutschland braucht Wachstum, Wachstum braucht Innovation, Innovation kommt aus Naturwissenschaft und Technik. Also müssen wir etwas für den Nachwuchs sowie für die positive Positionierung dieser Technologien, für eine positive Einstellung in dieser Gesellschaft tun. Die zweite Motivation entspringt der akademischen Tradition. Es gibt in Deutschland acht Akademien der Wissenschaft, die Ingenieure sind darin aber gar nicht oder nur am Rande vertreten. Die internationalen Verbände sagen uns: "Euer Stuhl ist leer." Ich glaube, auch die Vertreter der anderen wissenschaftlichen Disziplinen merken inzwischen, hier fehlt etwas.Aber bleiben wir bei den Technikwissenschaften. Akatech möchte die unabhängige und anerkannte Institution werden, die für die Technikwissenschaften eintritt. Sie möchte die Drehscheibe etablieren, die Technikwissenschaften in der Hochschul- oder Akademieforschung mit der Forschung in den Wirtschaftsunternehmen zusammenbringt. Zwei Drittel der Forschungsausgaben werden schließlich in der Wirtschaft ausgegeben, ein Drittel in der klassischen Hochschul- und institutionellen Forschung. Die Unternehmen und die Forschungsinstitute muss man zusammen bringen, ihnen eine vernehmliche Stimme geben. Das ist ein wesentliches Ziel von Akatech. Wir sind dabei, eine wirkungsvolle Vernetzung hinzukriegen zu den Wissenschaftlern, die in den Akademien kompetent vertreten sind und den übrigen kompetenten Wissenschaftlern in Hochschule und Industrie. Der Name Konvent der Technikwissenschaft ist ja etwas sperrig, deshalb haben wir uns auch schnell auf die Marke Akatech verständigt – eine gute Kombination ist zwischen akademischer und technisch -wirtschaftlicher Welt.Zeit: Sie haben sich eine ganze Menge vorgenommen: zentrale Themen wie Nachwuchs und Innovation und daneben bestimmte Technologiebereiche von Mobilität über Energie und Umwelt bis Kommunikation. Ist Akatech der Versuch, hier unabhängige Kompetenz aufzubauen, um damit auf politische Prozesse Einfluss zu nehmen? Milberg: Akatech lebt von der Kompetenz, Unabhängigkeit und Reputation, und zwar von der seiner Mitglieder und der sich daraus entwickelnden Gremien. Wann immer man derartige Themen diskutiert, ob einfache oder komplexe, wichtig ist immer eine umfassende Bestandsaufnahme, eine Faktensammlung. Darum geht es uns zunächst. Bei der Politikberatung müssen Sie unterscheiden zwischen Politikerberatung und politischer Beratung. Politische Beratung bedeutet, den Menschen Hilfe zum besseren Verständnis zu geben, sie mit Fakten zu versorgen, und sie in die Lage zu versetzen, ihre persönlichen Schlussfolgerungen zu ziehen. Damit wird indirekt natürlich auch, weil die Menschen ja auch Wähler sind, vielleicht die Politik beeinflusst. Zeit: Akatech als Nationaler Ethikrat für technische Innovation? Milberg: Unser Ansatz ist es, unsere Aktivitäten in Arbeitskreisen zu organisieren, in denen viele Menschen zusammenkommen können und sollen, und nicht nur solche, die Mitglieder sind. Sondern diese Arbeitskreise sind offen für Wirtschaft, für Politik, für Gesellschaft überhaupt. Und diese Arbeitskreise werden mit ihren Ergebnissen an die Öffentlichkeit gehen und darüber diskutieren. Zeit: Was habe ich da zu erwarten? Der Arbeitskreis Energie von Akatech spricht sich für einen bestimmten Endlagerstandort für hoch radioaktiven Müll aus? Milberg: Es gibt ja sehr viele Fragen von grundlegender Bedeutung in diesem Bereich: Wie werden wir unseren Energiehaushalt in Zukunft überhaupt sicherstellen können? Welche alternativen Energien stehen zur Verfügung? Welche werden wir brauchen? Es gibt tausende solcher Fragen. Und der erste wesentliche Schritt, ist schon einmal, die Faktensammlung sauber und abgesichert vorzunehmen und – darauf aufbauend – die Schlussfolgerung zu erörtern. Zeit: Was erwarten Sie sich davon, Themen so aufzubereiten und dann die öffentliche Diskussion zu führen? Milberg: Ich erwarte mir eine besser informierte Öffentlichkeit. Ich habe den Eindruck, dass sehr häufig bei Diskussionen über neue zukunftsinteressante Technologien aus einer gewissen Unsicherheit eine Zurückhaltung existiert, oder etwas übertrieben formuliert, das "Nein sicherheitshalber". Wenn ich über Fakten reden kann, brauche ich kein "Nein sicherheitshalber". Zeit: Wenn ich Innovation beurteilen soll, dann reicht die faktische Bestandsaufnahme doch nicht aus. Irgendwann muss ich ein gewisses Risiko eingehen. Die Zukunft ist immer unbekannt. Milberg: Entscheidend ist doch: Wie geht man an die Zukunft heran? Mit wieviel positiver Grundstimmung geht man an neue Ideen heran? Wie werden sie aufgenommen? Wenn Sie etwas Neues machen, wird das die Dinge verändern, beeinflussen. Damit kommen wir schon zu der Frage: Ist der Einfluß positiv oder ist er negativ zu bewerten? Ich habe den Eindruck, bei uns ist Veränderung zunächst eher negativ besetzt. Wir brauchen deshalb eine allgemeine Aufgeschlossenheit für Neues und eine neutrale Chance für die Risikobetrachtung, die natürlich auch notwendig ist. Zeit: Sie arbeiten eng mit der Industrie zusammen. Wie vermeiden Sie den Verdacht, Lobby-Arbeit zu betreiben? Milberg: Diese Frage ist schon so gestellt, als würden wir Lobby-Arbeit betreiben. Die Mitglieder von Akatech werden nach einem kritischen von den Akademien erprobten wissenschaftlichen Auswahlverfahren rekrutiert. Und die Drehscheibe zwischen der wissenschaftlichen Seite und der Wirtschaft sind die Arbeitskreise. Darüber hinaus wird es einen Förderverein für Akatech geben, der aber keinen Einfluß auf die Ziele oder Ergebnisse dieser Arbeitskreise hat. Das Konzept ist so angelegt, dass da klare Trennungen existieren. Aber am Ende zählt die Reputation und die Unabhängigkeit der Menschen. Es zählen die Arbeitsergebnisse. Wir müssen uns diesen Ruf erarbeiten. Zeit: Wir haben bisher über viele Einzelaspekte diskutiert. Kann man durch die Arbeit im Detail das Klima in Deutschland verändern. Milberg: Die spannende Frage ist: "Wie kann man Veränderungen erreichen? Durch große Reden, die Großes fordern? Oder sind es die vielen kleinen Dinge? Wahrscheinlich brauchen wir beides. Ich glaube aber tatsächlich, es sind letztlich die vielen Einzelschritte, die eine Mentalitätsänderung ergeben, dazu gehören Zeit, ein langer Atem, Ernsthaftigkeit und Reputation. Außerdem hoffe ich, dass wir jetzt in einer Situation sind, in der viele solche Schritte auch positiv aufgenommen werden. Aber Sie haben Recht, ein Anliegen ist es auch, die Atmosphäre zu verändern. Ich glaube, ob wir am Ende 3 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt 2,5 Prozent oder 1,5 Prozent für die Forschung ausgeben, hängt davon ab, wie der Wähler über Technik und Naturwissenschaft denkt. Und ob er erkennt, dass Forschung und Entwicklung die Schlüsselfaktoren für die Lösung unserer Standortfrage sind. Zeit: Reden wir Deutschland schlecht und machen damit das Klima noch schlechter als es ohnehin sein müsste? Oder ist eine ehrliche Bestandsaufnahme entscheidende Voraussetzung für den Aufschwung? Milberg: Da muss man wahrscheinlich etwas schizophren argumentieren. Wenn Sie in einen Bäckerladen gehen und Brötchen kaufen wollen und der Bäckermeister beschimpft die Angestellten weil der Teig schlecht gerührt und das Brot schlecht gebacken und darüber hinaus das Verkaufspersonal unfreundlich ist, dann suchen Sie sich einen anderen Bäcker. Als Land, das so vom Export abhängig ist, muss Deutschland sich schon klar darüber werden, dass die Botschaften, die wir intern verbreiten, auch nach außen gehen. Gleichwohl müssen wir uns die Wahrheit um die Ohren hauen. Wie anders sollen wir denn die Veränderungsprozesse in Gang setzen? Aber diese Auseinandersetzung sollte bitte kurz und heftig sein – und dann auch wirklich zu Veränderungen führen. Wir dürfen nie vergessen, dass wir enorm vom Export abhängig sind. Wenn wir permanent der Welt erklären, wie schlecht unsere Hochschulen sind, was wir für eine unmögliche Industriestruktur haben, dann glaubt die Welt das irgendwann. Wenn die Marke Deutschland wieder richtig erstrahlen soll, dann müssen wir hier unsere Schularbeiten machen. Zeit: Auf dem Weg zur Wissensgesellschaft sehen wir zwei Erfolgsmodelle: Die Skandinavier investieren viel in breite Bildung und heben so das Bildungsniveau der gesamten Gesellschaft. Die Vereinigten Staaten und Japan setzen dagegen auf ein starkes Konkurrenzmodell, wo wenige Spitzenleute einen Sogeffekt ausüben und viele mitziehen. Wie könnte der deutsche Weg aussehen? Milberg: Breite ohne Spitze ist Stumpf und wenig motivierend. Spitze geht aber nur mit stabilem Fundament, aus dem sich die Spitze auch entwickeln kann. In der Balance von beidem muss also das Optimum gesucht werden. Das gilt aber auch für die Industriestrukturen. Amerika und Japan sind die größten Volkswirtschaften. Deutschland gehört mit seiner volkswirtschaftlichen Stärke mit in diese Gruppe. Die skandinavischen Länder sind eher kleiner und haben deshalb auch andere Strukturen. Für Deutschland wird diese Frage auch industriestrukturell anstehen: Wollen wir uns auf bestimmte Stärken konzentrieren, oder haben wir noch die Chance, uns in voller Breite weiter zu entwickeln? Noch haben wir uns offenbar nicht entschieden. Das Gespräch führte Andreas Sentker