Astronomen sind geduldige Menschen. Wer Entfernungen in Lichtjahren rechnet und Zeit in kosmischen Dimensionen mißt, läßt sich von irdischen Hindernissen nicht so leicht abschrecken. Und so war die internationale Astronomengemeinde trotz des französischen Streiks vergangene Woche nahezu vollzählig nach Paris gereist. Schließlich mußten einige der drängendsten Rätsel des Universums diskutiert werden. Während draußen die Metros stillstanden und Blechschlangen die Pariser "Straßen verstopften, durchzog den Saal XII des Unesco-Gebäudes ein Hauch von Unendlichkeit. In knapp hundert Einzelvorträgen ließen die Astronomen die jüngsten Bilder und Entdeckungen des Hubble-Weltraumteleskops Revue passieren. Wer dabei allerdings himmlischen Frieden und kosmische Harmonie erwartete, lag falsch: Bevor sich die Forscher dem neuesten schwarzen Loch, rätselhaften Quasaren oder neugeborenen Sternen zuwandten, stürzten sie sich streitlustig in die größte Kontroverse, die die Kosmologie derzeit zu bieten hat. Nichts treibt die Zunft momentan mehr um als die simple Frage: Wie groß ist die Hubble-Konstante? Diese Zahl, benannt nach ihrem Entdekker Edwin Hubble, beschreibt die Ausdehnungsgeschwindigkeit des Weltalls. Überdies ergibt ihr Kehrwert auch ein Maß für das Alter des Universums - und damit fängt der wahrhaft kosmische Ärger an (siehe oben). Denn die neuesten Messungen mit dem Hubble-Weltraumteleskop liefern höchst irritierende Werte für die gesuchte Konstante. Demnach wäre das Universum jünger als seine ältesten Sterneein offensichtlich unsinniges Ergebnis. Das paradoxe Resultat, das ein Teil der Astronomen verficht, stellt allerdings nicht nur das Alter der Welt in Frage. Auf dem Spiel steht auch die Urknall-Theorie. Die meisten Forscher glauben zwar immer noch an die Gültigkeit dieser wissenschaftlichen Schöpfungsgeschichte. Doch Ketzer wittern Morgenluft. Der Engländer Fred Hoyle, der seit Jahren schon seine sready smle-Theorie eines unveränderlichen Universums anpreist, frohlockt: "Von den numerischen Faktoren her liegt das Problem für den Urknall wieder auf dem Tisch." Mit einem Paukenschlag begann daher die Pariser Astronomenwoche: Zum ersten Mal wurde die Hubble-Kontroverse in einer Art wissenschaftlichem Schaukampf öffentlich ausgefochten. "Es gibt verschiedene Fraktionen, verschiedene Sekten, die alle überzeugt sind, ihre Wahrheit sei die richtige", stellte der französische Astronom Lodewijk Woltjer zu Anfang des intellektuellen Ringens fest. Als Unparteiischer drückte er seine Hoffnung aus, daß diese Konferenz als "ökumenische Veranstaltung" gegenseitiges Verständnis wecken möge - dann gab er den Ring frei. Das Publikum wurde nicht enttäuscht. Der seit über zwanzig Jahren schwelende Streit wurde mit harten Bandagen und den neuesten Daten ausgefochten. Sinnigerweise wird das etablierte "alte" Universum eher von älteren Astronomen vertreten, während das paradoxe "junge" All vor allem die jüngere Generation begeistert. So verteidigte in Paris der 63jährige Tammann das konservative Modell gegen die 38jährige "Herausforderin" Wendy Freedman. Die zierliche, schwarzhaarige Astronomin arbeitet am "Key Project" des Hubble-Weltraumteleskopes. Dieses "Schlüsselprojekt" soll die intergalaktischen Entfernungen vermessen und damit die Hubble-Konstante auf einer breiten Datenbasis bestimmen. Und die ersten Ergebnisse sprechen für Freedman. So hatten sie und ihr Team im vergangenen Jahr den rund 50 Millionen Lichtjahre entfernten Virgo-Haufen vermessen und daraus eine Hubble-Konstante Ho von 82 Kilometern pro Sekunde pro Megaparsec bestimmt. Diese Zahl bedeutet, daß sich eine Galaxie, die ein Megaparsec entfernt ist (das entspricht 3,26 Millionen Lichtjahren), mit 82 Kilometern pro Sekunde von uns entfernt. Berechnet man allerdings aus dieser Geschwindigkeit den Zeitpunkt, an dem alle Galaxien ursprünglich an einem Punkt vereinigt waren ("Urknall"), erhält man ein Weltenalter von rund acht Milliarden Jahren. Und das steht in offensichtlichem Widerspruch zu den Berechnungen der Sternentheoretiker, die die ältesten Kugelsternhaufen im All auf vierzehn bis sechzehn Milliarden Jahre datieren. Nach Wendy Freedman betrat daher Gustav Tammann von der Universität Basel das Podium und versuchte, das astronomische Weltbild wieder geradezurücken. Tammann, ein freundlicher Professor mit Hornbrille und leicht ergrautem Haar, arbeitet eng mit Alan Sandage zusammen, dem großen Schüler von Edwin Hubble. Seit Jahrzehnten messen Tammann und Sandage in immer neuen Experimenten einen Hubble-Wert zwischen 50 und 60. Das daraus berechnete Alter des Alls von etwa fünfzehn Milliarden Jahren steht in schönster Übereinstimmung mit den Berechnungen der Sternentheoretiker. Doch wie lassen sich Tammanns Werte und Freedmans Ergebnisse unter einen Hut bringenzumal sie beide dasselbe Instrument, das Hubble-Teleskop, nutzen? Die Antwort liegt in der unendlichen Weite des Kosmos. Denn ein Lichtjahr entspricht immerhin 9,46 Billionen Kilometern, und Entfernungen in diesem Bereich lassen sich bestenfalls Pi mal Daumen schätzen. Zwar dienen den Astronomen gewisse Leuchttürme im All zur groben Orientierung: beispielsweise pulsierende Cepheiden-Sterne, bei denen Leuchtkraft und Periodendauer in einem festen Zusammenhang stehen; oder explodierende Sterne, sogenannte Supernovae, die wcgen ihrer bekannten Helligkeit als "Standardkerzen" gelten. Doch der Teufel der Entfernungsmessung steckt im Detail. Steht beispielsweise ein beobachtetes Leuchtfeuer eher im Vorder- oder im Hintergrund eines anvisierten Galaxienhaufens? Woher weiß man überhaupt, daß zwei weit entfernte Pünktchen im All wirklich zusammengehören und nicht nur eine scheinbare Einheit auf den Teleskopbildern bilden? Bei ihrem Schlagabtausch führten sowohl Freedman als auch Tammann diese Unsicherheitsfaktoren ins Peld - zugunsten der eigenen Messungen. Geriet eine Partei wirklich einmal in Bedrängnis, dann wurde gerne die unschlagbare preprint-Waffe gezückt. Denn preprints, in Vorbereitung befindliche Veröffentlichungen, sind in der Regel nur dem jeweiligen Verfasser bekannt und können daher kaum widerlegt werden. Doch während auf dem Podium noch die altbekannte Kontroverse "50 gegen 80" ausgefochten wurde, meldete sich plötzlich der Harvard-Astronom Robert Kirshner zu Wort. Bewaffnet mit Overhead-Folien, stürmte er nach vome und präsentierte dem erstaunten Auditorium eine neue Analyse der Helligkeit von Supernovae. Glaubt man Kirshners Lichtkurven, dann müssen Tammanns Messungen mit den "Standardkerzen" revidiert werden, und es ergibt sich ein neuer Wert der Hubble-Konstante von rund 67. "Ich glaube das niemals", kommentierte Gustav Tammann die überraschende Attacke und konterte: "Damit kommen Sie ziemlich nahe an ein Nonsense-Universum." "Wir leben vielleicht in einem Unsinns-Universum, in dem HO gerade 67 ist", parierte Kirshner und ermutigte damit offenbar einen weiteren Astronomen zum Coming-out. Der junge Dimitro Sasselov aus Harvard betrat ebenfalls folienbewaffnet den intellektuellen Kampfplatz und stellte seine Ergebnisse über die Cepheiden vor. Sasselov zufolge sorgen metallische Komponenten in den kosmischen Leuchtfeuern dafür, daß Tammanns Werte zu niedrig, Freedmans Konstante dagegen zu hoch ausfalle. Der wirkliche Wert für HO liege vermutlich in der Mitte. Auf Kompromisse, auch wenn sie verlockend klingen, läßt sich ein rechter Wissenschaftler allerdings nicht ein. Daß ein solcher Mittelwert die Kontroverse jedoch tatsächlich entscheiden könnte, zeigten die Messungen des dreißigjährigen Engländers Nial Tanvir aus Cambridge. Er hatte mit dem Hubble-Teleskop eine Galaxie in der sogenannten "Leo-Gruppe" vermessen und daraus einen Wen von HO gleich 69 erhalten. Freilich wird nie ein Einzelergebnis die Debatte entscheiden. Unisono erklärten Freedman und Gustav Tammann, daß erst der Mittelwert aus vielen weiteren Messungen mit dem Hubble-Teleskop in den kommenden Jahren den wahren Wert der gesuchten Konstante liefern werde. Was dann allerdings aus der Urknall-Theorie wird, steht in den Sternen. Denn selbst ein mittlerer Wert von etwa 67 würde das Paradoxon zwischen dem Alter des Alls und dem der ältesten Sterne nicht auflösen. Zwar beteuert selbst Wendy Freedman: "Der Big Bang ist nicht tot. Alle unsere Messungen lassen sich im Rahmen eines sich ausdehnenden Universums verstehen." Immerhin stützt sich die erfolgreiche Urknall-Theorie auf überzeugende Indizien wie die Hintergrundstrahlung oder die Verteilung der chemischen Elemente im All, die sich wunderbar als Ergebnis eines großen anfänglichen Knalls beschreiben lassen. Dennoch müßte die bisherige Theorie einige einschneidende Veränderungen erfahren. Die meistdiskutierte Variante ist derzeit eine Wiederbelebung der "kosmologischen Konstante" von Albert Einstein. Diesen Zusatzterm hatte der Schöpfer der allgemeinen Relativitätstheorie 1916 in seine Feldgleichungen eingeführt, um ein, wie er meinte, unveränderliches Universum zu beschreiben. Als sich später herausstellte, daß das Universum mitnichten statisch sei. widerrief der große Physiker öffentlich und bezeichnete die kosmologische Konstante als "größten Fehler" seines Lebens. Wird dieser Fehler möglicherweise posthum zu Einsteins größtem Triumph? Ein solcher Faktor, der in Einsteins Feldgleichungen eine abstoßende Kraft beschreibt, würde dafür sorgen, daß sich das All heute schneller als früher ausdehnt. Der jetzige Wert der Hubble-Konstante täuschte damit ein zu junges Universum vor. Freilich würde die Einführung einer solchen Zusatzkonstante den Kosmologen an anderer Stelle Kopfzerbrechen bereiten. "Viele Theoretiker sagen: Ich kann's einfach nicht glauben. Oder: Habt ihr euch nicht geirrt?" berichtet Nial Tanvir. Und auch Wendy Freedman bestätigt, daß eine Wiederbelebung von Einsteins "frisiertem Faktor", wie ihn manche Astronomen bezeichnen, "gewaltige Probleme" für die bisherige Standardtheorie mit sich bringen würde. Der Streit um Hubbles Konstante dürfte also noch einige Zeit weitergehen. Im nächsten Jahr, so berichtet Gustav Tammann, sei er gleich zu mehreren "great debates" zu diesem Thema in die USA eingeladen. Und Wendy Freedman fand heraus, daß die astronomische Auseinandersetzung in Hubbles Namen gewissermaßen unausweichlich war: Schließlich bedeute das englische Wort hubbub: "Getöse, Tumult oder Wirrwarr".