Leserbrief zum Artikel "Das Ende der Zersplitterung" (ZEIT Nr. 18 vom 28. April 2005, Seite 43)Vieles von dem, was Dr. Wilhelm Krull im Interview formuliert, klingt in meinen Ohren wohlbekannt: die außeruniversitäre Forschungseinrichtung sollen zum wechselseitigen Vorteil näher an die Universitäten angebunden werden; sie sollen sich mit den Universitäten bei Berufungen abstimmen; sie sollen bei aller Nähe zu den Universitäten ihre Autonomie behalten. Ja, das gibt es schon; ja, das machen wir schon so.Wir, das sind die Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns, ein Verbund von naturwissenschaftlichen Forschungseinrichtungen (den "Staatssammlungen"), dem Botanischen Garten München-Nymphenburg und acht Naturkundemuseen, alle in Bayern gelegen. Unsere Staatssammlungen sind im Rahmen des so genannten "Münchner Modells" eng an den jeweiligen fachlich entsprechenden Lehrstuhl der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) assoziiert. Der jeweilige Lehrstuhlinhaber ist gleichzeitig Direktor der Staatssammlung; die Berufung dieser Lehrstuhlinhaber erfolgt unter Mitwirkung der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns. Ein Teil der Staatssammlungen befindet sich sogar in Gebäuden der LMU; dennoch sind sie eigenständige Forschungseinrichtungen, deren Mitarbeiter keine Universitätsangestellten sind. Die beiden Partner, Staatssammlungen und Universität, profitieren von dieser engen Bindung: die Staatssammlungen können in gewissem Umfang die Infrastruktur der Universität nutzen und haben Zugang zum universitären Nachwuchs. Die Universität kann im Gegenzug etwas nutzen, was sie selbst nie aufrechterhalten könnte: große, wissenschaftlich herausragende naturkundliche Sammlungen (geschätzt 25 Millionen Sammlungsobjekte) von Weltruf, deren Aufbau und Pflege über Jahrhunderte die Staatssammlungen übernommen haben und die nun durch beide Partner wissenschaftlich erschlossen werden. Ein weiterer Vorteil für die Universität: in gewissem Umfang beteiligen sich die Wissenschaftler der Staatssammlungen auch an der Lehre und runden somit das Angebot der Universität ab.Damit wären wir aber auch gleich bei den Problemen einer engeren Anbindung von außeruniversitären Forschungseinrichtungen an die Universitäten. Diese Anbindung darf nicht darauf hinauslaufen, dass universitäre Aufgaben auf die Forschungseinrichtungen abgewälzt werden. Dr. Krull hat dies im Interview am Beispiel der Lehre bereits geschildert. Es muss sichergestellt werden, dass jede Institution trotz aller Nähe bei ihren Aufgaben bleiben kann und nicht als Lückenbüßer für Mängel beim Partner hinhalten muss. Problematisch scheint mir auch der Vorschlag, die Publikationen der außeruniversitären Forschungseinrichtungen der jeweiligen Universität anzurechnen. Dies macht diese Forschungseinrichtungen zu Publikationsproduzenten für die Universitäten – ein Grund für Demotivation der betroffenen Wissenschaftler, die beobachten müssen, wie andere sich mit ihren Federn schmücken. Ein weiteres nicht unwesentliches Problem für den außeruniversitären Partner stellen universitätsinterne Umstrukturierungen dar: Was, wenn der Lehrstuhl, mit dem man eng verbunden ist, plötzlich aufgelöst oder völlig umgewidmet wird? Angesichts der in Bewegung geratenen universitären Landschaft in Bayern ist dies sicherlich keine rein theoretische Frage. Unsere Erfahrungen aus Jahrzehnten "Münchner Modell" zeigen jedoch eines ganz klar: die enge Kooperation von außeruniversitärer Forschungseinrichtung und Universität kann auf Dauer funktionieren und sehr fruchtbar sein.Dr. Andreas KunkelWissenschaftlicher Geschäftsführer Generaldirektion der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns München