Die in den Artikeln zu den "Archiven des Lebens" sehr überzeugend herausgearbeitete Bedeutung der zoologischen Sammlungen für die Grundlagenforschung, aber auch für die angewandte Forschung kann ich selbstverständlich nur unterstreichen und gehe deshalb hier nicht weiter darauf ein. Ich erlaube mir jedoch folgende Zusatzaspekte anzumerken: (1) dieselbe wissenschaftliche Bedeutung wie zoologische Sammlungen haben natürlich auch andere naturkundliche Sammlungen, wie botanische, anthropologische, paläontologische und mineralogisch-geologische Sammlungen. (2) Neben der wissenschaflichen Bedeutung sollte aber auch die immense kulturelle Bedeutung all dieser Sammlungen viel stärker herausgestellt werden, was in den Artikeln nur ansatzweise umgesetzt ist. Ein theoretisch arbeitender Wissenschaftler wie Albert Einstein kann nur in Fotos, Veröffentlichungen oder seinem Briefwechselnachlass gewürdigt werden, der Sammlungsnachlass eines Alexander von Humboldt, eines Ritter von Spix oder anderer bedeutender Forschungsreisender ist aber ein realer und hervorragend begreifbarer. Der Urvogel Archaeopteryx, Zwitterwesen zwischen Dinosauriern und Vögeln, wurde ein Jahr nach Erscheinen von Darwins Buch "Über die Entstehung der Arten" entdeckt, nachdem dort derartige "Missing Links" der Evolution von Darwin postuliert wurden. Das Berliner oder das Münchner Urvogel-Exemplar, beides an großen deutschen Forschungssammlungen gut gesichert und beforscht, sind damit der in Stein gegossene Beweis der grundsätzlichen Richtigkeit der Darwinschen Evolutionstheorie. Diese und viele weitere handfeste, nachprüfbare Daten, die sich als Objekte in Forschungsmuseen befinden, sind bei einer auch in sog. gebildeten Schichten zunehmenden Tendenz zu Pseudowissenschaften hinsichtlich ihrer Bedeutung gar nicht hoch genug einschätzbar. Selbst Gebildete belächeln einen Naturwissenschaftler heute vielerorts schon, wenn er nicht an esotherische Kräfte von Mineralien glaubt. Kreationistisches, also die Existenz einer Evolution ablehnendes Gedankengut stellt nicht nur in den USA eine reale politische Kraft dar, die schulische Lehrpläne pervertiert und die Aufführung wissenschaftlicher Filme in Kinos verhindert. Auch hierzulande wurden teilweise bereits wissenschaftsrelevante Stellen mit Kreationisten besetzt und sind sogar Studierende der Naturwissenschaften anfällig für die Verlockungen einer vereinfachten Darstellung der Welt im Sinne des Kreationismus, wie ich selbst erfahren musste. Was besser als die realen Sammlungs-Objekte der Biologie und Paläontologie kann verhindern, dass solch dogmatische Pseudowissenschaften eine von manchen Kreisen gewollte, jedoch völlig unnötige Spaltung der Gesellschaft in religiöse versus naturwissenschaftliche Bekenner und damit einen Rückfall ins Mittelalter bewirken könnte.

Nicht zuletzt sind manche deutsche Natursammlungen auch ein Teil deutscher Wiedervereinigungsgeschichte. Eine enge Kooperation zwischen dem Senckenberg-Forschungsmuseum in Frankfurt/M. und den sächsischen Landesmuseen besteht und wird wohl weiter institutionalisiert. Und in der Bundeshauptstadt wurde gerade der Einzug der Nofretete in Berlin-Mitte gefeiert und in Festreden das Einbringen dieses kulturellen Erbes aus Westberlin für die ganze Stadt und Republik betont. Was ist der Gegenpart aus dem Osten? Das im ehemaligen Ostberlin angesiedelte Museum für Naturkunde gehört unzweifelhaft dazu. Es hatte schon lange vor den Kriegen Weltruhm und war auch während der DDR-Zeit der herausragende naturwissenschaftliche Leuchtturm des ganzen Ostblocks und darüber hinaus. Es ist damit ein wesentliches nationales und internationales Kulturerbe und der dort aufgestellte Brachiosaurus aus der deutschen Tendaguru-Expedition ist irgendwie vielleicht die Nofretete des Ostens. Für das Berliner Naturkundemuseum, aber auch für alle anderen naturwissenschaftlichen Forschungssammlungen und Forschungsmuseen gilt deshalb wie für alle anderen Kulturbereiche: Eine Gesellschaft muss sich auch daran messen lassen, wie sie auch in einer profit- und nutzenmaximierten Zeit mit ihrem kulturellen Erbe umgeht.

Prof. Dr. Reinhold Leinfelder

Generaldirektor der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns

Mitglied des Steering Committee der Direktorenkonferenz der Naturkundlichen Forschungssammlungen