Leserbriefzu den Artikeln Die Zeit, 28.4., Nr. 18: ?Die Arche vor dem Untergang" und ?Wohin mit den Schätzen"Es ist ausserordentlich begrüßenswert, dass endlich die Bedeutung naturwissenschaftlicher Forschungssammlungen von Ihnen umfangreich aufgegriffen wird, bedauerlich aber, dass dies wiederum erst passiert, wenn eine Institution, diesmal die Zoologischen Sammlungen der Universität Hamburg, vor dem Abgrund steht.Die dargestellten Probleme, wie zu geringe finanzielle Ressourcen, damit verbundene Probleme der sachgerechten Aufbewahrung, damit einhergehender unwiederbringlicher Verlust von Datenmaterial sowie Probleme der wissenschaftlichen Erschließung wegen des Schwundes an kompetenten Systematikern, betreffen nicht allein die zoologischen Sammlungen Deutschlands, sondern ganz generell die naturwissenschaftlichen Forschungssammlungen, also auch botanische und paläontologische Kollektionen.Die historisch gewachsene Vielfalt der naturkundlichen Forschungssammlungen Deutschlands ist keinesfalls nachteilig und stellt, einmal richtig positioniert und entsprechend finanziert, ein zumindest Europa weit einmaliges Potential für Biodiversitätsforschung dar.Das in dem Artikel ?Wohin mit den Schätzen" skizzierte Szenario physischer Zentralisierung von Sammlungen nach wissenschaftlichen Schwerpunkten, also z.B. alle marinen Fische nach Hamburg oder alle Lurche nach Stuttgart, ist jedoch als Lösungsansatz ungeeignet. Die Gefahr von Vernichtung des gesamten Datenmaterials bei Naturkatastrophen oder kriegerischen Auseinandersetzungen würde wesentlich erhöht. Eine drastische Einschränkung der Breite der Disziplinen in den naturkundlichen Forschungsmuseen wie Berlin, München, Stuttgart oder Bonn wäre die Folge, wodurch die breit gefächerte Kompetenz in Bildung- und Ausstellungssarbeit eingeschränkt würde. Attraktivitätsverlust für die Öffentlichkeit wäre vorprogrammiert. Zu wenig Beachtung findet auch die Tatsache, dass jeder Sammlung auch ihr spezifischer kulturhistorischer Wert zukommt. Ihr Entstehen ist vielfach untrennbar mit der örtlichen Einrichtung oder der Region verbunden. Wer Sammlungen aus ihrem historischen Kontext reisst, macht sich der Zerschlagung des kulturellen Erbes der einzelnen Regionen schuldig.In Zeiten der digitalen Medien ist der Lösungsansatz viel mehr in einer verstärkten virtuellen Vernetzung der Sammlungen und Forschungsinfrastrukturen zu suchen, wo klar die vorhandene und durchaus gut entwickelte Komplementarität der Forschungseinrichtungen mit ihren Sammlungen deutlich wird, bzw. diese noch verbessert werden kann. Die Vielfalt der Strukturen und Trägerschaften der Einrichtungen wäre dabei keinesfalls hinderlich. Im Gegenteil, die Parallele zur biologischen Vielfalt als Ergebnis der Evolution, deren Erhaltungswürdigkeit nun ein internationales Anliegen ist, sollte hier abstrahiert werden und im Bereich von Wissenschaft und Kultur Berücksichtigung finden. Vielfalt der Strukturen und Trägerschaften verringert die Gefahr des schlagartigen Untergangs der naturwissenschaftlichen Sammlungen, die das Fundament der Erforschung der biologischen Vielfalt darstellen.Prof. Dr. Johanna EderDirektorin des Staatlichen Museums für Naturkunde StuttgartVizepräsidenten der Gesellschaft für Biologische SystematikMitglied des Steering Committee der Direktorenkonferenz der Naturkundlichen Forschungssammlungen