Das Greenwich-Observatorium im März 1928: Durch das Teleskop im hinteren offenen Gebäudeteil verläuft der Nullmeridian

Reeder und Eisenbahngesellschaften übten Druck aus, bis sich am 1. Oktober 1884 Vertreter von 25 Nationen in der US-Hauptstadt Washington zur Internationalen Meridian-Konferenz trafen. Das Ziel: Ordnung ins Längengrad-Durcheinander bringen. Die Franzosen wollten ihren Pariser Meridian durchsetzen oder wenigstens den Ferro-Meridian – vergebens. Verworfen wurde auch ein Nullmeridian bei den Azoren, weil es dort kein Observatorium gab und keinen Anschluss an das Telegrafennetz, um dessen Daten, etwa zur Zeitbestimmung, zu übermitteln. Der gleiche Grund sprach auch gegen eine Nulllinie durch die Beringstraße.

Der Greenwich-Meridian war wegen der Dominanz Großbritanniens in der Seefahrt ohnehin schon gut etabliert. Außerdem hatte er einen weiteren Vorteil: Wenn man die Standardzeit am Meridian von Greenwich orientiert, verläuft die Datumsgrenze, ihm gegenüber auf 180 Grad, durch dünn besiedeltes Gebiet, größtenteils sogar durch Wasser. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie verwirrend es wäre, wenn man auf einer Reise mitten durch Europa einen Tag addieren oder subtrahieren müsste.

Die Konferenz einigte sich am 13. Oktober 1884 darauf, dass der Nullmeridian durch das Fadenkreuz des Meridianfernrohrs in Greenwich laufen sollte. Auch die darauf beruhenden Zeitzonen und eine Weltstandardzeit beschloss die Konferenz, deren Abschlussresolution am 22. Oktober unterzeichnet wurde. Frankreich enthielt sich trotzig der Stimme.

Der Ferro-Meridian blieb in der Landvermessung vieler Länder noch bis Ende des 20. Jahrhunderts gebräuchlich, weil viele Vermessungspunkte nach ihm ausgerichtet waren. In Österreich ist das System immer noch nicht komplett umgestellt.

GPS-Navigationsgeräte zeigen heute am historischen Meridian in Greenwich 0 Grad 0 Minuten 6 Sekunden westlicher Länge an. Sie sind nicht etwa defekt: Seit 1984 ist das Koordinatennetz der Erde durch das World Geodetic System definiert, das mit einem abstrakten Erdmodell arbeitet. Längen- und Breitengrade sind nicht mehr erdgebunden; die Kontinente verschieben sich unter ihnen hindurch – und der Nullmeridian liegt etwa 100 Meter östlich der historischen Linie. Statt Greenwich Mean Time (GMT) gilt heute die Universal Time Coordinated (UTC), die ebenfalls unabhängig von allen Standorten definiert ist.

Abgesehen von solchen technischen Fortschritten aber hat bis heute Bestand, was die Internationale Meridiankonferenz beschloss. Nullmeridian, Datumsgrenze, Standardzeit, Zeitzonen: Die Welt bekam ein Koordinatensystem übergezogen – die Grundlage der globalen Gesellschaft.