Späte Ehrung für Victor Jara

Seit Donnerstagabend standen Chilenen Schlange vor dem Victor-Jara-Kulturzentrum in der Hauptstadt Santiago. Sie erwiesen der Stimme ihres Landes die letzte Ehre - einer Stimme, die 1973 verstummte, wenige Tage nach dem Putsch, der das Land in die Diktatur stürzte. Victor Jara wurde, wie Tausende andere Chilenen, am 11. September 1973 verhaftet. Fünf Tage später war er tot.

Jara wird am 28. September 1938 im Süden Chiles geboren. Eine gewöhnliche Kindheit in Südamerika: Hunger, barfuß zur Schule, schlafen auf dem Fußboden. Über ein Priesterseminar findet er zur Musik, spielt Theater und führt Regie. Er singt in Armenvierteln, Universitäten, wird der bekannteste Volkssänger Chiles. Jara heiratet die britische Tänzerin Joan Turner, die er bei einem Ballettabend in Santiago kennenlernt. Die Ehe dauert mehr als zehn Jahre - bis Jara am Tag des Putschs von 1973 verschwindet.

Es sind die USA, von denen an diesem 11. September der Terror ausgeht: Sie stehen hinter dem Putsch des Generals Augusto Pinochet. Kampfjets bomben die demokratisch gewählte Regierung der sozialistischen Unidad Popular aus dem Präsidentenpalast. Präsident Salvador Allende, die Hoffnung Chiles, stirbt, wahrscheinlich von eigener Hand. Eine Militärjunta übernimmt die Macht, Pinochet wird Präsident.

Allein am ersten Tag des Putsches verhaften Soldaten und Polizisten mehr als 2000 Menschen, bis Jahresende sind es schon mehr als 13.000, Sympathisanten der Regierung Allende, der linken Parteien und Gewerkschaften, aber auch Intellektuelle und Künstler.

Victor Jara wird in den ersten Stunden des Putsches mit tausenden anderen ins Nationalstadion von Santiago geschleppt. Sein Verbrechen ist seine Musik: Er ist einer der Begründer der Nueva Cancion, des neuen Liedes. Die oft schlichten, folkloristischen Stücke thematisieren politische Geschehnisse und das Leben der armen Menschen. In "Plegaria a un labrador", Gebet an einen Landarbeiter, singt Jara "erhebe dich", "befreie uns". Sie nennen ihn auch den Che Guevara der Gitarre.

Tagelang wird Jara gefoltert. Es heißt, er habe gesungen, bis man ihm die Hände brach. Einige Tage später wird sein Leichnam gefunden, wahrscheinlich ist Jara am 16. September ermordet worden. Rechtsmediziner stellen 44 Einschüsse fest. Wer gefeuert hat, wird nie geklärt. Am 18. September beerdigt ihn seine Witwe, nur zwei Trauergäste dürfen dabei sein.

In Jaras letztem Gedicht heißt es trotzig: "Unsere Faust wird wieder kämpfen". Seine weiche, sanfte Stimme bleibt mächtig über den Tod hinaus: Er wird zu einem Symbol der Grausamkeit der Pinochet-Diktatur; Jaras Schicksal rührt auch in Europa die Menschen. Viele linke und kirchliche Gruppen solidarisieren sich mit der Opposition in Chile.

 

Doch Pinochet schert sich nicht um Proteste und Solidaritätskomitees. 27 Jahre bleibt die Junta mit Hilfe der CIA an der Macht. Nach offiziellen Angaben werden bis zum Ende des Regimes rund 3000 Menschen getötet oder verschwinden spurlos; tatsächlich dürften es viele mehr sein. Mehr als eine Million Chilenen geht ins Exil.

Befreie uns von denen, die uns in unserer Not beherrschen. Bringe uns Gerechtigkeit und Gleichheit, das täglich Brot. Wie der Wind wiege die Blumen in den Schluchten, Wie Feuer reinige den Lauf meines Gewehrs.
Aus: "Gebet an einen Landarbeiter" von Victor Jara

Unter Präsident Jimmy Carter üben die USA Druck auf Chile aus, das sich 1980 eine Verfassung und ein Parlament gibt. Präsident Pinochet behält diktatorische Vollmachten. Erst 1988 findet eine Volksabstimmung darüber statt, ob zur nächsten Präsidentenwahl Gegenkandidaten zugelassen werden. Die Chilenen entscheiden sich gegen alle Einschüchterungen für eine freie Wahl, und am 11. März 1990 löst Patricio Aylwin Pinochet ab.

Doch der Bruch mit dem Regime ist kein glatter. Pinochet bleibt bis 1998 Oberbefehlshaber der Streitkräfte; die Verfassung macht ihn auch zum Senator auf Lebenszeit und damit immun gegen Strafverfolgung. Pinochet wird in Großbritannien verhaftet; juristische Probleme verhindern ein Verfahren. Er stirbt am 10. Dezember 2006 in Chile.

Keine Strafen für die Täter

Seit 1991 beschäftigt sich eine Wahrheitskommission mit den Morden der Junta - nicht mit Folter, Vertreibung und anderen Verbrechen. Die wenigsten Schergen Pinochets mussten sich je für ihre Taten verantworten. Selbst ein Verfahren gegen den Ex-Offizier Mario Manríquez Bravo, der im Herbst 1973 die Aufsicht über das Nationalstadion hatte, stellte die Justiz 2008 aus Mangel an Beweisen ein.

Auch die Mörder Victor Jaras blieben straflos. Im Mai 2009 wurde der heute 54-jährige José Adolfo Paredes Márquez inhaftiert und beschuldigt, Jara auf Befehl seiner Vorgesetzten erschossen zu haben. Ein frühes Geständnis widerruft er jedoch.

Im Zuge des Verfahrens wurden im Juni Jaras sterbliche Reste exhumiert, die jetzt auf den Zentralfriedhof von Santiago überführt werden. Tausende Chilenen defilierten am Sarg vorbei, darunter Präsidentin Michelle Bachelet. Im Kulturzentrum, das Jaras Witwe Joan mitbegründet hat, traten zahlreiche ehemalige Weggefährten auf.

Victor Jara bekommt ein ehrenhaftes Begräbnis, doch die Diktatur ist längst nicht beerdigt. Am 13. Dezember sind Präsidentschaftswahlen in Chile. Als Favorit gilt der rechtsgerichtete Multimillionär Sebastián Piñera. Viele seiner Parteifreunde hatten einflussreiche Posten in der Zeit der Diktatur, die Victor Jara auf dem Gewissen hat.