"Im schrecklichen Frühling 1933 sah ich Frauen und Kinder mit aufgeblähten Bäuchen, die blau angelaufen waren, noch atmend, aber mit toten Augen. Und Leichen in zerlumpten Schaffellmänteln mit billigen Filzstiefeln, Leichen in Bauernhütten, Leichen im schmelzenden Schnee des alten Wologda… Ich sah all das und drehte doch nicht durch, beging nicht Selbstmord, glaubte weiter, weil ich glauben wollte."

Lew Kopelew, der diese Zeilen in "Und schuf mir einen Götzen" schreibt*, ist in diesem "schrecklichen Frühling" Anfang 20 und begeisterter Kommunist, weil er glauben will. Als Parteiaktivist ist er an den Enteignungen beteiligt, die 1932 und 1933 zur größten Hungersnot führen, die je von Menschen verursacht wurde.

Die sowjetischen Revolutionäre halten von Anfang an wenig von der traditionellen Landwirtschaft, den kleinen Bauernhöfen. Sie wollen das rückständige Russland industrialisieren, und das Kapital dafür muss von den Bauern kommen. Schon den Sieg der "Roten" in der Oktoberrevolution haben sie unfreiwillig ermöglicht: Die Bolschewiki treiben Getreide für ihren Kampf ein.

Ihre Propaganda richtet sich gegen "Kulaken". Wörtlich bedeutet das "Faust" und ist eine abfällige Bezeichnung für einen Wucherer, jemanden, der kleine Bauern, in Not geratene Nachbarn ausnutzt. Seit der Oktoberrevolution wird der Begriff auf angebliche Ausbeuter in der Landwirtschaft angewandt und immer weiter definiert: 1919 gehört dazu, wer zwei Häuser mit Blechdach, mehr als fünf Kühe oder Pferde oder mehr als 20 Schafe besitzt; 1932 reicht es, Knecht, Magd oder Tagelöhner zu beschäftigen, manchmal auch schon, eine Kuh zu besitzen. 

Schon seit 1927 leiden die "Kulaken" unter Repressionen, müssen höhere Steuern zahlen, bekommen keine Kredite oder Geräte. Viele verkleinern Anbaufläche und Viehbestand, um nicht mehr "Kulak" zu sein. Bald fehlt es an Getreide für den Export und zur Versorgung der Städte. Die staatlichen Ankaufpreise sind den Bauern zu gering – viele bringen ihre Produkte lieber auf den Schwarzmarkt oder verbrauchen es selbst. Stalin und sein Umfeld verstehen das als Widerstand gegen ihre Vision einer modernen Sowjetunion: Sie wähnen sich von Saboteuren, von Konterrevolutionären umstellt.

Am 1. Februar 1930 erlässt das Zentrale Exekutivkomitee ein Gesetz: Alle "Kulaken" sollen enteignet, die Bauern in Kolchosen gezwungen werden. Schon am 30. Januar hat das Politbüro den lokalen Parteikomitees die Order erteilt, "Konterrevolutionäre" und Bauern, die Widerstand gegen die Kollektivierung leisten, in Lager einzuweisen oder zu erschießen. Alle übrigen "Kulaken" sollen deportiert werden.

Was das Regime als "Kollektivierung" darstellt, ist eine Enteignungs- und Terrorkampagne. Aus den Städten entsandte "Arbeiterbrigaden", Zehntausende meist junger überzeugter Kommunisten, fallen in die Dörfer ein. Innerhalb von nur sechs Wochen enteignen sie zehn Millionen Höfe, siedeln rund 2,5 Millionen Menschen innerhalb ihrer Heimatregion um. Weitere mindestens zwei Millionen Menschen deportieren Geheimpolizei und Armee nach Zentralasien und Nordsibirien. Gewalt, Seuchen, Hunger und Entkräftung fordern schon dabei mehrere Hunderttausend Todesopfer.

 

Die Regierung der Ukraine will, dass der Holodomor als Genozid anerkannt wird

In den Getreidekammern der Sowjetunion, in Südrussland, an der mittleren und unteren Wolga, im Süd-Ural, in Nordkasachstan und in Westsibirien, sind die traditionellen bäuerlichen Strukturen zerstört, bevor die neuen Kollektive ihre Aufgaben übernehmen können. Günstiges Wetter verzögert die Folgen; die Ernte bleibt zunächst fast auf dem alten Niveau. Doch in den Jahren 1932 bis 1934 verhungern Millionen Menschen.

Am schlimmsten trifft es die Ukraine, wo nach Berechnungen der Akademie der Wissenschaften in Kiew von 2008 rund 3,5 Millionen Menschen sterben. Ukrainische Geschichtswissenschaftler gehen davon aus, dass Moskau die Hungersnot, die hier Holodomor (ukrainisch Holo, Hunger; mor, Vertilgung) genannt wird, absichtlich herbeiführt, um die Macht der Zentralregierung durchzusetzen. Auch in Kasachstan und einigen Regionen des Kaukasus, in denen sich Widerstand gegen die Zwangskollektivierung regt, verschlimmert Moskau offenbar gezielt die Folgen der Enteignung.

Der Historiker Robert Conquest berechnet 1986 auf Basis sowjetischer Volkszählungen die Zahl der Todesopfer durch Hunger, Deportation und die Ermordung von "Kulaken" mit bis zu 14,5 Millionen Menschen. Die Regierung der Ukraine will, dass der Holodomor als Genozid anerkannt wird; Russland wehrt sich dagegen. Andere Historiker sprechen vom Demozid, dem Massenmord an einer bestimmten Bevölkerungsschicht, den "Kulaken".

Lew Kopelew sitzt nach Ende des Zweiten Weltkriegs bis nach Stalins Tod 1954 selbst im Gulag, einem sowjetischen Zwangslager. Sein Glaube an den Kommunismus ist nicht grundsätzlich erschüttert. Doch er wird zum Dissidenten und setzt sich für die Menschenrechte ein. Jetzt macht er sich Vorwürfe, dass er an den Enteignungen beteiligt war, dass er nicht rebelliert hat damals. Als er gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings protestiert, wird er aus der Partei ausgeschlossen, verliert seine Arbeit, erhält Schreibverbot. Jetzt glaubt er nicht mehr.

* Anm. d. Red.: Übersetzt hat die Passage, die in der deutschen Ausgabe des Buches fehlt, der frühere Moskau-Korrespondent der ZEIT, Christian Schmidt-Häuer.