In den Getreidekammern der Sowjetunion, in Südrussland, an der mittleren und unteren Wolga, im Süd-Ural, in Nordkasachstan und in Westsibirien, sind die traditionellen bäuerlichen Strukturen zerstört, bevor die neuen Kollektive ihre Aufgaben übernehmen können. Günstiges Wetter verzögert die Folgen; die Ernte bleibt zunächst fast auf dem alten Niveau. Doch in den Jahren 1932 bis 1934 verhungern Millionen Menschen.

Am schlimmsten trifft es die Ukraine, wo nach Berechnungen der Akademie der Wissenschaften in Kiew von 2008 rund 3,5 Millionen Menschen sterben. Ukrainische Geschichtswissenschaftler gehen davon aus, dass Moskau die Hungersnot, die hier Holodomor (ukrainisch Holo, Hunger; mor, Vertilgung) genannt wird, absichtlich herbeiführt, um die Macht der Zentralregierung durchzusetzen. Auch in Kasachstan und einigen Regionen des Kaukasus, in denen sich Widerstand gegen die Zwangskollektivierung regt, verschlimmert Moskau offenbar gezielt die Folgen der Enteignung.

Der Historiker Robert Conquest berechnet 1986 auf Basis sowjetischer Volkszählungen die Zahl der Todesopfer durch Hunger, Deportation und die Ermordung von "Kulaken" mit bis zu 14,5 Millionen Menschen. Die Regierung der Ukraine will, dass der Holodomor als Genozid anerkannt wird; Russland wehrt sich dagegen. Andere Historiker sprechen vom Demozid, dem Massenmord an einer bestimmten Bevölkerungsschicht, den "Kulaken".

Lew Kopelew sitzt nach Ende des Zweiten Weltkriegs bis nach Stalins Tod 1954 selbst im Gulag, einem sowjetischen Zwangslager. Sein Glaube an den Kommunismus ist nicht grundsätzlich erschüttert. Doch er wird zum Dissidenten und setzt sich für die Menschenrechte ein. Jetzt macht er sich Vorwürfe, dass er an den Enteignungen beteiligt war, dass er nicht rebelliert hat damals. Als er gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings protestiert, wird er aus der Partei ausgeschlossen, verliert seine Arbeit, erhält Schreibverbot. Jetzt glaubt er nicht mehr.

* Anm. d. Red.: Übersetzt hat die Passage, die in der deutschen Ausgabe des Buches fehlt, der frühere Moskau-Korrespondent der ZEIT, Christian Schmidt-Häuer.