"Der Platz an der Sonne", das waren die "blühenden Landschaften" des 19. Jahrhunderts: Wie Kanzler Helmut Kohl 1990 das Gedeihen des deutschen Ostens beschwor, verhieß der Staatssekretär im Auswärtigen Amt und spätere Reichskanzler Bernhard von Bülow Deutschland 1897 ein helles, warmes Plätzchen. "Wir wollen niemanden in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne", sagte er im Reichstag. Er meinte Kolonien. Eine davon war Deutsch-Südwestafrika, das heutige Namibia.

Seit 1842 hatten rheinische Missionare Stationen im Land auf der Westseite des Kaps der Guten Hoffnung errichtet, einem bis zur Ankunft der Europäer dünn von Nomaden besiedelten Landstrich, in dem sich gleichwohl einige der ältesten Zeugnisse menschlichen Lebens weltweit finden. Der Bremer Kaufmann Adolf Lüderitz schloss mit dem im Süden ansässigen Volk der Nama (den "Hottentotten") einen Vertrag, der weite Teile des Landes zu einem Spottpreis in seinen Besitz brachte. Er bat das Auswärtige Amt um Schutz. Am 7. August 1884 wehte die Reichsflagge über Deutsch-Südwestafrika. In der Angra-Pequeña-Bucht wuchs eine Stadt, die bis heute Lüderitz heißt.

1904 rebellierten die Herero, neben Damara, Ovambo und Nama eine der größten Ethnien Südwestafrikas: Generalleutnant Lothar von Trotha erteilte seinen berüchtigten Vernichtungsbefehl: "Innerhalb der Deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen." Schätzungen zufolge starben bis zu 80.000 Herero, etwa 10.000 Nama und knapp 1400 deutsche Soldaten und Siedler. Die Niederschlagung des Herero-Aufstands gilt als erster Völkermord des 20. Jahrhunderts. Fortan blieb die Kolonie stabil und gedieh – aus deutscher Sicht – prächtig.

Doch das Weltmachtstreben des Deutschen Reiches mündete bekanntlich im Ersten Weltkrieg. 1915 drangen Truppen der 1910 gegründeten Südafrikanischen Union in die Kolonie ein; noch im selben Jahr kapitulierte der deutsche Gouverneur. 1919 musste das Deutsche Reich im Versailler Vertrag auf alle Kolonien verzichten – Essig war’s mit dem Platz an der Sonne.

Der Völkerbund stellte Südwestafrika unter südafrikanische Verwaltung. Die Regierung verleibte sich das Gebiet ein, lockte südafrikanische Siedler mit Subventionen an. In den sechziger Jahren führte das Apartheid-Regime das Homeland-System ein: Jede Bevölkerungsgruppe bekam ein festes Territorium zugewiesen, etwa Herero-Land oder Nama-Land, das ihre Angehörigen nicht dauerhaft verlassen durften.

Dass die Vereinten Nationen, Nachfolgeorganisation des Völkerbundes, das Mandat widerriefen, ignorierten die Regierenden in der Hauptstadt Pretoria. Seit den fünfziger Jahren wuchs deshalb in Südwestafrika der Widerstand. Am 19. April 1960 gründete sich die South West Africa People’s Organisation (Swapo) unter Parteichef Sam Nujoma. Die marxistisch beeinflusste Befreiungsbewegung und ihr bewaffneter Arm, die Volksbefreiungsarmee PLAN, bekamen Geld und Waffen aus der Sowjetunion – und auch aus der DDR: Erneut kreuzten sich deutsche und namibische Geschichte.