Das hätten die Berliner sich sparen können. Da bauen sie aus Angst vor der Pest eine Quarantänestation in sicherem Abstand vor den Toren der Stadt – doch die Krankheit erreicht die königlich-preußische Residenzstadt gar nicht. König Friedrich I. ergeht es wie seinen modernen Nachfahren mit der Schweinegrippe: Vorausschauende Klugheit wirkt hinterher wie blinder Aktionismus.

Doch das kann niemand wissen, als die ersten Spatenstiche am 13. Mai 1710 die Erde nordwestlich der Stadtgrenzen Berlins durchpflügen. Seit 1709 wütet die Pest in Polen und Ostpreußen, Hunderttausende Menschen sterben. 1711 verebbt der schwarze Spuk, ohne in Berlin angekommen zu sein. Das "Pesthaus" bleibt leer. Zunächst quartieren die Berliner sozial Benachteiligte in dem Gebäude ein – damals heißen sie Bettler und Streuner. Auch mittellose alte Menschen wohnen hier. Und das Haus dient als Entbindungseinrichtung für unehelich Schwangere – mit den Hebammen hält die Medizin Einzug. Bald werden auch Soldaten der nahen preußischen Garnison hier behandelt.

Der nächste Preußenkönig, Friedrich Wilhelm I., erklärt per Kabinettsorder: "Seine Königliche Majestät in Gnaden erlauben, dass in dem Garnison-Lazarett vor dem Spandowschen Thor auch ein Bürger-Lazarett angelegt werden soll." Und er notiert: "Es soll das Haus die Charité heißen." Am 1. Januar 1727 wird dieses Bürger-Lazarett eröffnet.

Damit beginnt der Aufstieg des nunmehr "Königlichen Charité-Krankenhauses". Schon 1725 hat Preußen eine Ausbildungsordnung für Heilberufe erlassen – die Zeit der Bader und Barbiere ist vorbei, der Arztberuf professionalisiert sich. Angehende Militärärzte für das ständig wachsende preußische Heer werden jetzt an der Charité am "Collegium Medico-Chirurgicum" ausgebildet.

Doch von der modernen Medizin ist die Charité noch weit entfernt. Brüche schienen, Gliedmaßen amputieren, das können die Ärzte; viel weiter ist die Chirurgie noch nicht. Die Doktoren glauben, dass der Körper aus vier Grundsäften besteht, Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle. "Schlechte Säfte" müssen ausgeleitet werden, durch Erbrechen, Aderlass oder Schröpfen. Das kann für den Patienten gefährlicher sein als die Krankheit selbst.

Die Charité bleibt bis 1798 ein Hospiz für Arme, wird aber zugleich städtisches Krankenhaus und Lehrklinik. Bald stößt sie an ihre Grenzen: In jedem Bett liegen zwei oder drei Patienten, die hygienischen Zustände sind katastrophal. Von 1785 bis 1797 wird sie erstmals abgerissen, ein imposanter spätbarocker Bau ersetzt das alte Pesthaus.