Man kennt das ja von den ungebildeten mittelalterlichen Bauern: Kaum tut sich am Himmel Ungewöhnliches – Sternschnuppenschwarm, Sonnenfinsternis, Ufo –, glauben sie den Weltuntergang nah, raufen sich das Haupthaar und bekennen unter anhaltender Selbstgeißelung lautstark ihre Sünden. Aber dass auch noch im aufgeklärten Jahr 1910 das Erscheinen des Halley’schen Kometen Aufsehen und sogar Panik auslöste, mag man kaum glauben.

Der Himmelskörper, den Hobby-Astronomen liebevoll Halley, die Profis dagegen 1P nennen, ist ein alter Bekannter. Schon die chinesische Shiji-Chronik – eines der ältesten Dokumente der Geschichtsschreibung – verzeichnet sein Erscheinen für das Jahr 240 vor Christus. Dann kommen babylonische Keilschriften (164 und 87 v. Chr.), und manche Theologen glauben, dass es Halley war, der die Weisen aus dem Morgenland an die Krippe lockte . Da wären sie allerdings zu früh gekommen: Der Komet war 12 vor Christus auf Erden sichtbar – deshalb stehen auch andere Kometen und Konstellationen im Verdacht, der Stern von Bethlehem zu sein.

Der italienische Maler Giotto di Bondone hinterließ in der Scrovegni-Kapelle in Padua ein hinreißendes Fresko der Geburt Christi, nachdem er den Kometen 1301 gesehen hatte. Auch auf dem etwa 1070 entstandenen Teppich von Bayeux – eine knapp 70 Meter langen Stickerei, die in vielen Szenen zeigt, wir die Normannen in England einfielen – ist der Komet eingewebt. Der Himmelkörper galt bei seinem Erscheinen 1066 als gutes Omen für Wilhelm den Eroberer und als schlechtes für den angelsächsischen König Harald II. Den erwischte es denn auch in der Schlacht von Hastings im selben Jahr.

1705 roch der britische Universalforscher Edmond Halley den Braten: Der Komet, der zuletzt 1682 beobachtet worden war, musste derselbe sein wie der, von dem so viele Chroniken schrieben. Halley rechnete nach und sagte die Wiederkehr des Kometen für 1759 korrekt vorher. Dadurch verlor der Himmelswanderer einiges von seinem Schrecken.

Als es vor 100 Jahren wieder so weit war, waren die modernen Chronisten vorgewarnt: Die Zeitungen verzeichneten minutiös die Vorbereitungen in den Observatorien im Sommer 1909, die ersten Lichtpunkte in den Teleskopen im Herbst, die regelmäßigen Sichtungen Anfang 1910.

Und dann tauchte ein Schweifstern am Himmel auf, den niemand auf dem Schirm hatte: Ende Januar 1910 sahen Bergarbeiter einer südafrikanischen Diamantenmine einen Lichtpunkt, der sich nach einiger Verwirrung nicht als Halley, sondern als unbekannter Komet entpuppte. Weil er keinen einzelnen Entdecker hat, heißt er schlicht Johannesburger Komet oder Großer Komet von 1910 (Astronomen nennen ihn C/1910 A1).

Der Große Komet war so etwas wie die Vorgruppe für den Star des Jahres 1910. Nach seinem Auftauchen warteten die Zeitgenossen noch gebannter auf Halley. Er sollte der Erde diesmal besonders nahe kommen, auf atemberaubende 0,15 Astronomische Einheiten, ein bisschen mehr als 22 Millionen Kilometer.