In Reih und Glied, mit hellgelber Fassade und roten Ziegeln, eingerahmt von ordentlichen Hecken, stehen die 396 Häuschen in der ehemaligen Bergarbeitersiedlung Fürst Hardenberg im Stadtteil Lindenhorst im Dortmunder Norden. Wer einen Blick durch einen der Torbögen erhascht, schaut auf akkurat gepflegte Gärten, manchmal einen Gartenzwerg, dahinter erheben sich Schornsteine und Hafenbauten. Auch das Bullenkloster gibt es noch, ordentlich saniert. Heute ist es ein Nachbarschaftshaus, damals jedoch, als dies eine reine Siedlung für die Arbeiter der nahe liegende Zeche war, wohnten dort unverheiratete Männer.

Die Bergarbeitersiedlung Fürst Hardenberg gehört zur "Route der Wohnkultur". Im Rahmen der Kulturhauptstadt gibt es verschiedene Führungen rund um das Thema Wohnalltag der Menschen zwischen Duisburg und Dortmund. 58 Orte sollen zeigen, wie das Ruhrgebiet lebt. Ab August gibt es auch die Möglichkeit, Wohnungen von innen zu besichtigen und mit den Bewohnern ins Gespräch zu kommen. Wer will, kann die Wohnkultur auf eigene Faust erkunden. Oder aber mithilfe einer der geführten Touren oder Spaziergänge durch Dortmund, Essen oder Duisburg . Sie führen durch Bekanntes und Besonderes, Modernes und Historisches. Zeigen klassische Industriegeschichte, Villen und Wohnparks. Wieder neu entdeckte Wohngegenden und aus der Mode gekommene Wohnformen. Und vor allem die Wohnungen, die das Ruhrgebiet bis heute prägen: ehemalige Arbeitersiedlungen.

Im Zuge der Industrialisierung explodierten die Städte im Deutschen Reich und Wohnraum wurde Mangelware. Überbelegung und schlechte sanitäre Verhältnisse in Mietskasernen waren an der Tagesordnung. Im Ruhrgebiet nahmen Ende des 19. Jahrhunderts immer mehr Zechen- und Stahlwerke ihren Betrieb auf. Also musste für immer mehr Arbeiter neuer Wohnraum geschaffen werden. Die Folge: Werkssiedlungen, von den Unternehmen erbaute Betriebswohnungen für ihre Arbeiter – ein Trend, der aus England kam. Während die ersten betrieblichen Siedlungen im Ruhrgebiet aus dreistöckigen Mehrfamilienhäusern im Kasernenstil ohne Gärten oder Grün bestanden, ändert sich ab den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts der Stil – die Bebauung wurde individueller, mehr Grün zog in die Siedlungen ein, das Gartenstadtmodell entstand.

Einerseits waren Werkssiedlungen eine gute Lösung, denn die Arbeiter zahlten geringe Mieten und nach und nach wuchs die Infrastruktur innerhalb der Siedlung. Es gabt Läden, in denen die Arbeiter verbilligt einkaufen konnten und Schulen für die Kinder. Manche Unternehmen, wie beispielsweise die Krupp-Werke in Essen, sicherten ihre Arbeiter zusätzlich durch eine Rente ab. Der Haken an der Sache: Wer seinen Job kündigte oder gegen die häufig bestehenden Regeln verstieß – Kruppianer, die Arbeiter der Krupp-Werke, durften beispielsweise keine Gewerkschaftsmitglieder sein – verlor das Anrecht auf Werkswohnungen und sonstige Vergünstigungen. Dass Unternehmen in Wohnraum für ihre Arbeiter investierten, lag auch an ihrer sozialen Verpflichtung. Auf jeden Fall aber wollte man die gut qualifizierten Arbeiter an das Unternehmen binden und bot ihnen ein Stück Komfort.