Auf ihren Reisen hat Nightingale den Liberalen-Politiker Sidney Herbert kennengelernt, hat mit seiner Frau Elizabeth Krankenhäuser besichtigt. Jetzt ist Herbert Kriegsminister. Er schickt Nightingale und 38 von ihr angeleitete Frauen nach Scutari. Die Militärärzte nehmen die Frauen nicht eben begeistert auf, doch sie werden gebraucht: Nach schweren Kämpfen kommen immer mehr Verwundete an.

Im Lazarett fehlt es an allem, an Platz, Nahrung, Decken, Betten. Nightingale übernimmt die Organisation, teilt Krankenschwestern und Soldatenfrauen zur Pflege ein, aber auch zum Waschen der Kleidung und des Bettzeugs, zum Toilettendienst. Sie bombardiert Kriegsminister Herbert mit Bitten um Nachschub, kauft von eigenem Geld und aus einem von der Times angeregten Fonds Waschbürsten und Eimer, Decken, Bettpfannen, sogar Operationstische.

Dann erkrankt Nightingale selbst: Im Frühling 1855 stirbt sie fast am "Krim-Fieber", einer Bakterieninfektion . Sie erholt sich nie ganz, doch sie bleibt bis Kriegsende in Scutari, arbeitet weiter. Die Soldaten verehren sie – und das macht Nightingale daheim in Großbritannien berühmt. Zudem tragen clevere Geschäftsleute zur Bekanntheit der Krankenschwester bei: Mehr oder weniger erkennbare Florence-Bilder zieren Papiertüten und Souvenirs, sogar Tonfigürchen werden verkauft.

Unter dem falschen Namen "Miss Smith" reist die Krankenschwester bei Kriegsende nach Hause, um den Reportern zu entgehen. Sie ist mager, kränklich, erschöpft. Selten tritt sie öffentlich auf, aber sie nutzt ihre Berühmtheit, um Lobbyarbeit für Gesundheitsreformen zu betreiben. Bei einer Audienz mit Queen Victoria erreicht sie die Einsetzung einer königlichen Kommission, die Mängel im Gesundheitswesen benennen und beheben soll, später folgt ein ähnliches Gremium für Indien.

Nightingales Ansatz ist ganzheitliche Medizin avant la lettre: Sie bezieht die Lebensumstände der Menschen, ihre Ernährung und Wohnverhältnisse ebenso ein wie ihren psychischen und physischen Zustand. Vor allem betont sie die Bedeutung von Hygiene und Desinfektion. Und sie denkt darüber nach, wie Krankenhäuser gebaut sein müssen, um sie effektiv und hygienisch führen zu können.

Nightingale legt die Grundlagen einer professionellen Krankenpflege in Theorie und Praxis: Mit Geld, das während des Krimkrieges in ihrem Namen eingesammelt wurde, eröffnet sie 1860 eine Pflegeschule, die Nightingale School im St.-Thomas-Hospital, heute ein Teil des King’s College in London.

Immer wieder meldet sich Nightingales Krankheit. Sie fürchtet stets, der Tod sei nah, stachelt sich selbst und andere zu neuen Leistungen an. Sie veröffentlicht mehr als 200 Bücher und andere Schriften. Queen Victoria verleiht ihr 1883 das Royal Red Cross, und 1907 erhält Nightingale als erste Frau den Verdienstorden Order of Merit. Florence Nightingale stirbt am 13. August 1910 friedlich im Schlaf – mit immerhin 90 Jahren.