Seit acht Tagen sucht die Besatzung des Forschungsschiffs R/V Knorr den Meeresboden ab. Rund um die Uhr. Abwechselnd starren Robert Ballard und die Mitglieder seines Teams auf die Bilder, die das unbemannte U-Boot Argo über ein Kabel aus der Tiefe herauf schickt. Stunde um Stunde zieht der Grund des Nordatlantiks an ihren Augen vorbei. Monoton. Keine besonderen Merkmale. Bis kurz nach 1 Uhr morgens am 1. September 1985. Die Beobachter entdecken eine Art Pickel auf dem glatten Boden, 3840 Meter unter den Wogen an der Wasseroberfläche. Danach haben sie gesucht: Wenn ein Schiff in so großer Tiefe sinkt, dann implodiert der Rumpf durch den Druck des Wassers. Tausende Wrackteile werden über eine große Fläche des Meeresbodens verstreut.

Dass sie den Weg zum Wrack weisen, diese Lektion hat Ballard auf einer Geheimmission für die US-Marine gelernt. 1982 hat er die Navy um Geld für seine Suche nach der Titanic gebeten, doch die Militärs interessieren sich kaum für den 1912 gesunkenen, zivilen Dampfer. Aber für zwei 1960 gesunkene Atom-U-Boote, die USS Scorpion und die USS Thresher .

Die Navy sichert sich das von Ballard und der Meeresforschungsfirma Woods Hole Oceanographic Institution entwickelte Sonar- und Kamera-U-Boot Argo , finanziert die R/V Knorr und stellt Ballard befristet an. Er soll erst die beiden U-Boot-Wracks finden und erforschen, dann darf er die Titanic suchen. Erst 2008 enthüllt der Meeresforscher, woher das Geld für seine Expedition kam. Im Kalten Krieg war die Suche nach dem Luxusliner für die Navy eine willkommene Tarngeschichte.

Der durch die Implosion verstreute Schrott hat Ballard zu den beiden U-Booten geführt, er führt ihn auch zur Titanic . Die Pickel auf dem Grund des Atlantiks sind Einschlagkrater von Bruchstücken. Größere Teile werden sichtbar. Ein Kessel kommt ins Bild. Dann das Wrack.

"Mein Gott, wir haben die Titanic gefunden", ruft Ballard aus. Später schreibt er, es sei wie "das Wiedersehen mit einer alten Geliebten" gewesen, der er viele Jahre Briefe geschrieben habe. Viel Zeit bleibt ihm nicht mit der Liebsten; die Knorr ist schon für andere Forscher reserviert. In den vier verbleibenden Tagen der Reise entreißen die Scheinwerfer der Argo den dunklen Tiefen die Bestätigung, dass die Titanic wie vermutet in zwei Teile zerbrochen ist: Der Bug liegt rund 600 Meter entfernt vom stärker zerstörten Heck.

Fundort des Wracks der Titanic

Ein Jahr später kommt Ballard mit dem bemannten Tauchboot Alvin und dem unbemannten Vehikel Jason Junior zurück, das auch in kleine Öffnungen schwimmen kann. Er bringt Fotos aus dem Schiffsinnern mit nach oben, aber keine Gegenstände: Ballard betrachtet den Ort des Untergangs, der rund 1500 Todesopfer forderte, als Friedhof, den er nicht entweihen will. Das tun bald andere.