Am Ende rast der Zug führerlos dahin, nachdem die beiden Männer in tödlichem Zweikampf von ihrer Lokomotive gestürzt sind, mit 18 Wagen voller Soldaten, die der Front entgegeneilen. "Was bedeuten schon die Opfer, die die Maschine auf dem Weg zermalmt hat! Fuhr sie nicht dennoch in die Zukunft, unbekümmert um das verschüttete Blut? Sie rollte, sie rollte."

So endet der Roman La bête humaine, "Die Bestie Mensch", von Émile Zola, erschienen 1890. Die Eisenbahn hat darin die Hauptrolle, als Schauplatz fürchterlicher Geschehnisse, aber ebenso als Metapher menschlicher Triebe. Es ist das goldene Zeitalter der Eisenbahn, und insbesondere die Route, auf der Zola die Handlung spielen lässt, hat für Paris enorme Bedeutung: die Strecke vom Bahnhof Saint-Lazare aus. Schrittweise war sie ausgebaut worden, seit 1837 zu den nahen Vororten im Westen, später die Seine entlang bis zur Küste. Der Bahnhof Saint-Lazare bedeutete Freizeit, Sommerfrische, Ausbruch aus der lärmenden Großstadt.

Zugleich aber steht dieser Bahnhof für den radikalen Umbau, den Baron Haussmann, der Präfekt von Paris zu Zeiten des selbsternannten Kaisers Napoleon III., der französischen Hauptstadt verordnete. Noch war Louis-Napoléon "nur" Präsident, als er Georges-Eugène Haussmann im kalten Januar 1849 zum ersten Mal im Élysée-Palast empfing, der von den Verwüstungen der 48er-Revolution gezeichnet war. Doch der künftige Kaiser erkannte in dem fähigen Provinzpräfekten genau den Mann, den er suchte: den Planer seiner monumentalen Hauptstadt.

Das Viertel um den Bahnhof Saint-Lazare ist ein Musterbeispiel der "Haussmanisation", der nicht nur urbanen und architektonischen, sondern zugleich auch der sozialen Umgestaltung von Paris. 1852 zum Präfekten des Départements Seine – also von Paris – ernannt, fand er eine in ihrer Struktur mittelalterliche Stadt vor, die an den Rändern in wilde Siedlungen, teils gar in Slums auslief. So auch um den Bahnhof Saint-Lazare. Westlich von ihm lag eine Gegend, die den bezeichnenden Namen "Klein-Polen" trug, mehr oder minder eine Barackensiedlung von polnischen Immigranten. Die Bewohner ließ Haussmann vertreiben, das hügelige Gelände planieren, mit dem Lineal gezogene Straßen ziehen, die sich in spitzen Winkeln kreuzen.

Die Place de l’Europe, ein schon vor Haussmann angelegter Platz, wurde nun zu einer gewagten Brückenkonstruktion über den Gleisen des Bahnhofsvorfelds, auf die die Straßen sternförmig zulaufen. Doch erst die Weltausstellung von 1867 brachte einen ungeheuren Aufschwung der Bautätigkeit mit sich. In rascher Folge wurden bis in die 1870er Jahre hinein die fünfstöckigen Wohnhäuser hochgezogen, die dem neuen Stadtquartier ihr Gesicht geben. Diese neoklassischen Häuser mit ihren tiefgezogenen "Pariser" Fenstern, schmiedeeisernen Balkonbrüstungen und maximaler Firsthöhe von 35 Metern bestimmen unverändert das Bild der Stadt. Nach Haussmanns Rezepten entstand das Paris, wie alle Welt es heute kennt.

Haussmanns Politik der Enteignung und Vertreibung blieb, trotz kaiserlicher Protektion, mitnichten unangefochten. Jules Ferry, später Ministerpräsident der III. Republik, griff den Baron 1868 in einem Artikel unter dem bezeichnenden Titel "Haussmanns Erzählungen" – nach dem populären Operettentitel Jacques Offenbachs – an: "Man sehe die Gewalt, die er seit 15 Jahren ausübt, eine Verwaltung ohne Kontrolle, eine Macht ohne Verantwortung, ein einziger Mann gestärkt von einem nicht gewählten Stadtrat! Hat man dergleichen irgendwo, irgendwann jemals gesehen?" Haussmann hingegen amüsierte sich über seine Gegner und ihre "kollektiven Klagen, während jeder Einzelne die Enteignung als Einkommensquelle herbeiwünscht".

In das neue Quartier de l’Europe zogen die Verfechter des "modernen Lebens", voran die Maler des Impressionismus, Edouard Manet, Claude Monet und Gustave Caillebotte, aber auch der Dichter Stéphane Mallarmé und der Romancier Maxime du Camp. Und natürlich hat Zolas Romanheld Jacques Lantier hier sein fiktives Zuhause. Die Kehrseite des Haussmann’schen Stadtumbaus sind die Enteignungen und Abrisse zahlloser Häuser, die beinahe gewaltsame Vertreibung ihrer Mieter, der "kleinen Leute", und die Inbesitznahme der inneren Stadt durch die neureiche Bourgeoisie. Die heutige "Gentrification" ist dagegen ausgesprochen harmlos.