Kurz vor der Kasse sind die Köder ausgelegt. Auf Augenhöhe des Kindes bietet der Supermarkt zuckriges Glitterzeug an. Jessica, etwa drei Jahre alt, greift und zeigt, sie schreit: "Will ich haben!" Ein Konflikt entbrennt. "Sonst noch was, Frolleinchen?", höhnt die Mutter. "Haben!", beharrt das Kind. "Nu is Schluss hier!", die Mutter packt das kleine Handgelenk, reißt das Kind herum, schiebt ihren Wagen in der Warteschlange weiter vor, haut dem Kind auf den Hinterkopf: "Es reicht!" Das Kind heult auf, die Mutter grinst. "Ich werd dir was … Du hältst die Klappe." Kein Kunde in der Schlange sagt etwas. Die Kasse klingelt und das Einkaufsduo verschwindet. Was ist da passiert? Einfach nur ein Minimachtkampf im Alltag zwischen großem Menschen und kleinem Menschen?

Die Mutter hat sich klar ungesetzlich verhalten. "Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind verboten und unzulässig." So steht es im Bürgerlichen Gesetzbuch – seit zehn Jahren. Ob, wie und wann dieser Text in gängige Lebenspraxis übersetzt wird, das liegt daran, wie ernst eine Gesellschaft das Ziel nimmt, Standards der Zivilisation, wie sie für Erwachsene gelten, auch für Minderjährige durchzusetzen – kein Chef dürfte heute einen Lehrling so behandeln wie diese Mutter ihr Kind.

Als sei es ein Spielball, so werde das Kind "zwischen den Händen der Erwachsenen hin und her geworfen", schrieb die Schwedin Ellen Key vor 110 Jahren. Ein Kind, beobachtete Key, "wird bald vorgezeigt, bald lächerlich gemacht, bald weggestoßen, bald herbeigezogen, bald totgeküsst, bald kommandiert, bald gelockt." Jeder erwachsene Mensch, fügte Key ihrer Schilderung an, "würde wahnsinnig werden, wenn scherzende Titanen ihn einen einzigen Tag so behandelten, wie er jahrelang sein Kind behandelt".

Die 1849 geborene Autorin setzte sich als brillante Pädagogin für die Rechte und die Würde von Kindern ein. Ihr "Jahrhundert des Kindes", dem das Zitat entstammt, wurde ein einflussreicher Bestseller. Mütter, fand Key, sollten aufgeklärt werden über die seelische Entwicklung von Kindern, sie müssten Lohn erhalten für ihre Erziehungsarbeit, Bildung, das Wahlrecht, um in allen Fragen mitzureden. Keys ideale Mütter und Väter sollten, im Sinne von Jean-Jacques Rousseau, Johann Heinrich Pestalozzi oder Maria Montessori, ihrem Nachwuchs unter Verzicht auf jede Gewalt begegnen, herzlich, zugewandt und selbstsicher. Dann, so hofften die Reformer, werde der neue Mensch und mit ihm eine neue Welt des Vertrauens gute Chancen haben.