Mit großer Wucht schnellt der spitz geschliffene Stein auf das Opfer nieder. Der Faustkeil gräbt sich in die Haut des Tieres, er schabt an den Knochen, löst das Fleisch. Wer das Steinwerkzeug führte, damit jagte oder schlachtete, wissen wir nicht. Vielleicht unser Vorfahr?

Die Szene könnte sich so vor rund 115.000 bis 125.000 Jahren abgespielt haben, im heutigen Kalksteinmassiv Jebel Faya, kaum 55 Kilometer entfernt vom Persischen Golf und dem Golf von Oman in den heutigen Vereinigten Arabischen Emiraten. In den Sedimentschichten graben Archäologen schon seit mehr als 15 Jahren. Hier stießen Hans-Peter Uerpmann von der Uni Tübingen und sein Team schließlich auf derart alte Steinwerkzeuge. Im Magazin Science veröffentlichen sie jetzt ihre Fundstücke zusammen mit einer Theorie, die die Archäologie und Anthropologie aufmischen wird.

"Unsere Funde werden wohl die Frage neu entfachen, wie der moderne Mensch zu einer globalen Spezies wurde", sagt Simon Amitage von der Londoner Universität , der die Studie leitete. Derzeit vermuten die meisten Forscher, dass unsere Vorfahren vor etwa 60.000 Jahren Afrika verließen und bis nach Europa vordrangen. Dabei gelangten sie wohl über die Sinai-Halbinsel in den Nahen Osten und entlang des Mittelmeers weiter nach Norden. Doch könnte es noch eine andere Route aus Afrika hinaus gegeben haben – über den Südosten der Arabischen Halbinsel nach Asien.

Der Werkzeugsatz aus Jebel Faya soll letzteres nun belegen. Der Fund vernichte den derzeitigen Konsens über die Out-of-Africa-Theorie, glaubt der Archäologe Michael Petraglia von der Oxford Universität : "Das ist wirklich spektakulär." Der moderne Mensch kehrte demnach bereits 50.000 Jahre früher als vermutet Afrika den Rücken – und das auf der Route durch Arabien. Uerpmann und sein Team sind überzeugt, dass unsere Vorfahren die kleine Sammlung an Keilen, Schabern und Steinklingen herstellten. Denn sie ähneln in ihrer Struktur und Fertigung deutlich jenen Werkzeugen, die bereits aus Ostafrika bekannt sind. "Der anatomisch moderne Mensch entwickelte sich in Afrika vor etwa 200.000 Jahren", sagt Studienleiter Armitage.

Doch wie gelangte er schließlich nach Arabien? Immerhin liegen zwischen dem äußersten Südwesten der Arabischen Halbinsel und Afrika noch 40 Kilometer. Hier an der Meerenge Bab al-Mandab muss er aber übergesetzt sein, vermuten die Forscher.

"Vor 130.000 Jahren veränderte sich das globale Klima", erklärt Adrian Parker , der für die Studie die Umweltbedingungen von damals rekonstruiert hat. "Es kam zu einer Warmzeit, das Monsun-System im Indischen Ozean wurde nach Norden gedrängt und brachte Arabien Niederschläge." Die heutigen Wüsten mit Temperaturen von bis zu 50 Grad, durch die kein Mensch wandern kann, glichen einer saftigen Savanne mit Flüssen und Graslandschaften. "Der Meeresspiegel im südlichen Roten Meer lag mehr als 100 Meter niedriger als heute." Die Meerenge Bab al-Mandab schrumpfte auf etwa 4 Kilometer zusammen. "Die Menschen nutzten möglicherweise Flöße oder Boote, die konnten sie sicherlich damals schon bauen", sagt Hans-Peter Uerpmann. Im Laufe der nächsten Jahrtausende wanderten sie dann vermutlich nach Norden, erreichten Jebel Faya und gelangten über die Straße von Homus bis nach Asien.