Der Mensch ändert sich wohl nie. Kaum ist Christoph Kolumbus 1492 auf einer Insel vor der amerikanischen Küste gelandet, nimmt er sie im Namen der spanischen Krone in Besitz. Ganz egal, dass da schon Menschen leben. Kaum hat Neil Armstrong 1969 seine ersten Mondhopser der Menschheit gewidmet, steckt er eine US-Fahne in den Staub. Und kaum hat Roald Amundsen 1911 als erster den Südpol erreicht und die norwegische Flagge ins Eis gehackt, beginnen Entdecker, Forscher und Abenteurer, die Namen ihrer Heimatländer auf die Landkarten zu schreiben.

Admiral Richard E. Byrd unternimmt im Auftrag der US-Marine 1946 und 1947 die Operation "Highjump", eine gigantische Expedition mit 4.700 Soldaten und Wissenschaftlern, 13 Schiffen und mehr als 20 Flugzeugen, um die Antarktis zu kartografieren. Er lässt Flaggen aller Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen über dem Kontinent abwerfen: Die Antarktis gehört allen, soll das heißen. Und sie sollte von der Staatengemeinschaft verwaltet werden.

Doch es gibt zu viele Länder, die sich ein Kuchenstück aus dem kalten Kontinent schneiden wollen. Chile, Argentinien, Neuseeland, Australien, Großbritannien, Frankreich und Norwegen, zeitweise auch Südafrika, erheben Hoheitsansprüche, die sie mit Forschungs- und Entdeckertätigkeit und/oder mit ihrer geografischen Nähe begründen. Brasilien definiert eine "Interessenzone", erhebt aber nie formal Anspruch. Die Großmächte USA und Sowjetunion behalten sich eigene Ansprüche vor.

Dabei geht es zuerst ums Prinzip und dann um handfeste strategische und ökonomische Interessen. Großbritannien verlangt zeitweise Lizenzgebühren von Robbenfischern und will bei Argentinien dafür kassieren, dass es eine Funkanlage auf den Südlichen Orkney-Inseln betreibt – im von London ebenso wie von Buenos Aires beanspruchten Sektor.

Das der Antarktis gewidmete Internationale Geophysikalische Jahr bringt im Südpolarsommer 1957/58 einen Boom der Antarktisforschung. Dutzende neuer Stationen entstehen auf dem Festland und den vorgelagerten Inseln. Zwar verbinden die Staaten, die sie finanzieren, damit meist Ansprüche und strategische Interessen, den Forschern aber ist die internationale Zusammenarbeit wichtig, sie fürchten die Aufteilung des Kontinents.

Die USA treiben die Gründung eines Internationalen wissenschaftlichen Komitees für Antarktisforschung (Scar) voran, einer regierungsunabhängigen Organisation, die 1959 erstmals zusammentritt. Wissenschaftler aus mehr als 20 Ländern sollen die Polarforschung koordinieren.

Noch im selben Jahr unterzeichnen am 1. Dezember zwölf Staaten den Antarktisvertrag: die Staaten, die Ansprüche auf den Kontinent erheben, die wichtigsten Forschungsnationen und beide Großmächte. Die USA und ihre Verbündeten stehen in Europa und an vielen anderen Konfliktherden der Welt der UdSSR unversöhnlich gegenüber. Im Antarktisvertrag gelingt es erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg, in einem internationalen Abkommen für eine bestimmte Region jede militärische Maßnahme zu verbieten. Die Antarktis wird mitten im Rüstungswettlauf zur ersten kernwaffenfreie Zone der Welt.