Als Sherlock Holmes seine ersten Fälle löste, war eine seiner Methoden noch neu: die Suche nach Fingerabdrücken. 1892 – da hatte der Schriftsteller Arthur Conan Doyle seinen Meisterdetektiv gerade von der Hand des erzbösen Professors Moriarty sterben lassen – legte der britische Naturfoscher Francis Galton in seinem Buch Fingerprints Grundlagen für eine Kategorisierung der Abdrücke dar. Doch erst eine Ermittlungspanne in einem spektakulären Diebstahlsfall machte den Nutzen sinnvoll sortierter Abdruck-Sammlungen allen europäischen Polizisten klar. Bis es soweit war, vergingen noch 19 Jahre und Conan Doyle hatte Holmes längst wiederbelebt.

Am 22. August 1911 stellte ein Künstler namens Louis Béroud seine Staffelei im Salon Carré auf, dem ältesten Saal des Louvre. Innenansichten des Pariser Museums verkauften sich bei ausländischen Sammlern gut. Doch in Bérouds Motiv klaffte eine Lücke: Zwischen Tizians Allegorie des Alfonso d'Avalos und Corregios Vermählung der Heiligen Katharina fehlte eine 76,8 mal 53 Zentimeter großes Ölgemälde auf Pappelholz.

Béroud fragte einen Wachmann, wo denn La Gioconda sei, besser bekannt als Mona Lisa. Die Wache nahm an, Leonardo da Vincis Porträt einer lächelnden Frau sei wohl beim Fotografen. Erst als Béroud später nachhakte, begann die Suche. Die Polizei kam, komplimentierte die Besucher hinaus – und fand keine Spur der Mona Lisa. Eine Woche lang blieb das Museum geschlossen. Als es wieder öffnete, wollten Scharen von Neugierigen die leere Stelle an der Wand sehen.

Er klemmte sich das Gemälde unter den Arm und ging

Rund zwei Jahre vor dem Verschwinden der Mona Lisa hatte der Museumsdirektor Théophile Homolle noch gemeint, jemand könne ebensogut ein Bild aus dem Louvre entwenden, wie die Türme von Notre Dame zu stehlen. Mehr Angst als vor Dieben hatten die Museumsoberen vor Vandalen; es hatte Messer- und Säureangriffe gegeben. Seit Oktober 1910 ließen sie deshalb für einige der wertvollsten Bilderrahmen mit Verglasung anfertigen. Einer der Glaser war der Italiener Vincenzo Peruggia, geboren 1881 in Dumenza in der Lombardei. Der Tag vor Bérouds Entdeckung war ein Montag, der Louvre geschlossen. Peruggia mischte sich unter Handwerker, Kunsthistoriker, Fotografen und Reinigungspersonal, klemmte sich die Mona Lisa unter den Arm – und ging.

Rahmen und Glas fanden die Ermittler später auf einer Treppe, sie konnten einen Daumenabdruck nehmen. Doch die französische Verbrecherkartei war nach den Kriterien Alphonse Bertillons geordnet: nach Körpermaßen, nicht nach daktyloskopischen Gesichtspunkten. Eine systematische Suche nach passenden Abdrücken war unmöglich. Als Peruggia, wie viele andere Handwerker des Louvre, im November 1911 befragt wurde, erregte er keinen Verdacht. Das Museum fand sich mit dem Verlust des Bildes ab und strich es aus seinem Katalog. Raffaels von der Mona Lisa beeinflusstes Porträt des Baldassare Castiglione hing zunächst an ihrer Stelle, später Camille Corots Frau mit einer Perle, eine moderne Hommage an Leonardos Werk.