Naymlaps direkte Nachfolger aber hatten erst einmal Wohlstand und Macht des Reiches gemehrt, auf dem Höhepunkt erstreckte sich das Einflussgebiet fast bis nach Lima. Die Sican-Leute bauten weitverzweigte Bewässerungsanlagen sogar von einem Tal ins andere. Das ermöglichte eine hoch ertragreiche Landwirtschaft, erbrachte also Überschüsse, die wiederum Grundlage für kulturelle und künstlerische Höhenflüge waren. Die Naymlap-Erben errichteten die voluminösesten Lehmziegelpyramiden und häuften unermessliche Goldschätze an: Ihre Kunsthandwerker konnten Goldblech auf weniger als einen Millimeter Dicke klopfen und diesen Hauch von Gold immer noch überaus kunstvoll verzieren. Fast alles, was heute unter "Inka-Gold" firmiert, stammt in Wahrheit aus der Sican-Kultur.

Naymlap, so die Legende, wurde in seinem Palast beerdigt, um seine Sterblichkeit zu vertuschen. Nach der Mehrheitsmeinung von Hinrich Brüning bis Carlos Wester ist die Huaca Chotuna dieses Herrscherhaus. Zwar sind Raubgräber an der zerfließenden Lehmziegelpyramide tätig gewesen, aber offenbar, so Schmelz, "nicht mit viel Erfolg". Bei archäologischen Grabungen rund um die Pyramide kamen in den letzten Jahren fantastisch erhaltene Wandgemälde und zahlreiche Bestattungen zutage. In einem der Gräber lagen 33 Frauen, die offensichtlich geopfert worden waren, was – etwa bei anhaltenden Dürren – im Anden-Raum durchaus üblich war.

Verbindung zwischen Legende und archäologischem Fund

Die farbigen Wandmalereien fanden sich an verschiedenen Stellen des ausgedehnten Pyramidenkomplexes. Als Wester sich im letzten Jahr mit seinen Helfern an einem dieser Reliefs durch den Dünensand nach unten grub, wechselte er schnell die groben Schaufeln gegen Spachtel und Pinsel aus. Er legte nicht nur eine Wand mit Fresken frei. "Wir fanden einige Meter darunter einen Thron in allerbestem Zustand. Der wurde ganz sicher benutzt von jemandem, der die politische, religiöse oder militärische Macht seiner Zeit verkörperte", berichtet Wester.

Der niedrige Steinthron stand dicht an der Pyramidenwand der Huaca Chotuna an der Stirnseite eines ummauerten Zeremonialplatzes, schildert Bernd Schmelz die Situation vor Ort. Der Herrscher residierte also öffentlich. Die Wände rechts und links hinter ihm waren bemalt und zeigten Krieger, Opferszenen, mythische Mischwesen, Schlangen und Meeresgetier – ein politisch und religiös aufgeladenes Ensemble.

Im letzten Monat hat Wester ein weiteres Grab mit dem Skelett eines etwa 30-jährigen Mannes ausgegraben, der mit einem aufwendigen Gewand aus Kupferplättchen bekleidet war. Unter den kostbaren Grabbeigaben lagen auch drei der charakteristischen Tumi-Opfermesser. Wester spricht den Toten deshalb als den "Hinrichter" des Palastes an. Der hatte in der Anden-Welt eher den Status eines Opferpriesters als eines Henkers.

Ein Tempel-Palast nahe der Küste, Opfergräber, Wandgemälde, Thron – Ausgräber Wester ist sich sicher, "die Verbindung zwischen Legende und archäologischem Befund" aufgedeckt zu haben. Nur das Grab des Naymlap fehlt noch. "Das wird im Inneren der Pyramide sein," sagt Bernd Schmelz. "Früher oder später wird man auch dort so ein Ursprungsgrab finden, das ist nur eine Frage der Zeit." Dann steht Peru Kopf.

Von dem Autor ist kürzlich ein Buch über die peruanische Vorgeschichte erschienen. "Michael Zick: Die rätselhaften Vorfahren der Inka".Theiss-Verlag, Stuttgart 2011. 160 Seiten, 130 Abbildungen. 34,90 Euro