Im Jahr 2010 wäre Klaus Fuchs beinahe zum "Leuchtenden Vorbild" geworden. Diesen Namen trägt eine Lichtinstallation mit Porträts verdienter Persönlichkeiten im Rathaus von Rüsselsheim. 30 Jahre lang läuft das Kunstprojekt – alle drei Jahre können Bürger weitere Kandidaten vorschlagen. Adam und Sophie Opel leuchten dort schon im Plenarsaal auf, daneben ein Widerstandskämpfer gegen die Nazis, eine Krankenschwester. Der in Rüsselsheim geborene Physiker Fuchs sollte hinzukommen – doch der Ältestenrat wollte den Atomspion nicht in die Ahnenreihe aufnehmen und lehnte den Vorschlag der Jury ab.

In der Begründung für die Idee, Fuchs in die Vorbilder-Galerie aufzunehmen, heißt es, der Wissenschaftler sei konsequent seinem Gewissen gefolgt. Warum wird ein Physiker zum Spion? Im Fall von Klaus Fuchs liegt die Antwort im politischen Engagement seiner Jugend und seinen Erfahrungen mit den Nazis. Der am 29. Dezember 1911 geborene Klaus Emil Julius Fuchs wächst in einer lutherisch-sozialdemokratischen Familie auf und engagiert sich schon als Gymnasiast für Demokratie und Gerechtigkeit, wie er sie versteht. Er wird Mitglied im linksdemokratischen Kampfbund Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold und liefert sich Scharmützel mit den Rechten. Als Student wechselt er in die Kommunistische Partei, kurz bevor die NSDAP am 30. Januar 1933 an die Macht kommt.

Der Verfolgungswelle nach dem Reichstagsbrand vom 28. Februar 1933 entgeht Fuchs knapp. Er kann noch bis August in Berlin studieren, obwohl er gesucht wird. Dann flieht er nach Großbritannien, promoviert in Bristol und Edinburgh. Wie die meisten deutschen Staatsbürger in Großbritannien wird Fuchs bei Kriegsausbruch 1939 als feindlicher Ausländer interniert. Sein Doktorvater, der ebenfalls deutschstämmige Max Born, holt ihn nach Edinburgh zurück.

1942 wird Fuchs Brite

1942 wird Fuchs Brite – und Geheimnisträger: Er arbeitet am britischen Atomwaffenprogramm mit, Codename "Tube Alloys", einem Vorläufer des "Manhattan Project" der USA. Doch er hat nicht vor, die Geheimnisse für sich zu behalten: Mindestens seit August 1941 steht Fuchs in Kontakt zu einer Person mit dem Decknamen "Sonia". Es handelt sich um die deutsche Kommunistin Ursula Maria Kuczynski alias Ruth Werner, Major im sowjetischen Militärgeheimdienst GRU.

Fuchs sagt später aus, er sei nach dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion zu der Ansicht gelangt, Moskau habe ein Recht zu erfahren, an welcher Waffe die Briten und die Amerikaner arbeiteten. Seinem Eindruck nach unterstützen die Westalliierten die Sowjets zu wenig, und der Sozialist will nicht mitansehen, wie die Union der sozialistischen Sowjetrepubliken wehrlos den deutschen Truppen gegenübersteht.