Braune Kriminalisten in neuen Ämtern – Seite 1

Eine Woche nachdem der Bundestag am 8. März 1951 das "Gesetz über die Einrichtung eines Bundeskriminalpolizeiamtes (BKA)" verabschiedet hatte, berichtete der Spiegel über die geplante neue Behörde. Das Nachrichtenmagazin wusste, dass Innenminister Robert Lehr (CDU) als Berater für die Organisation des Amtes den Kriminalisten Harry Söderman engagiert hatte. Der unter Kollegen als "Revolver-Harry" bekannte Schwede war mit der deutschen Kriminalpolizei bestens vertraut. Während der NS-Zeit unterhielt er Kontakte zu dem Leiter der Kriminalpolizei Arthur Nebe und dem Berliner Polizeipräsidenten Wolf Heinrich Graf von Helldorf.

Söderman, so forderte der Spiegel, sollte beim Aufbau der zentralen bundesdeutschen Polizeibehörde doch bitte an seine alten "Lehrmeister" denken, die wegen ihrer Vergangenheit "kaltgestellt, zwangspensioniert oder auf Wartegeld gesetzt" waren. Der Autor wusste, wovon er sprach: Bernd Wehner gehörte als Leiter der Reichszentrale zur Bekämpfung von Kapitalverbrechen zum Führungskorps der Kriminalpolizei im NS-Staat. Der Polizeireporter des Spiegels empfahl namentlich zehn ehemalige Spitzenbeamte des Reichskriminalamts zur Wiederverwendung, darunter seinen alten Vorgesetzten Hans Lobbes, seinen Ausbilder Walter Zirpins und Nebes Stellvertreter Paul Werner.

Die Kriminalpolizei deportierte ab 1943 23.000 Sinti und Roma

Mit den alten Beamten sollten auch die alten Konzepte zurückkehren. Das Dritte Reich realisierte, was viele Kriminalisten bereits seit Langem gefordert hatten: eine zentralisierte Polizei mit weitreichenden exekutiven Befugnissen. Im Rahmen der "vorbeugenden Verbrechensbekämpfung" nahmen die Kriminalbeamten mehr als 80.000 Menschen in "polizeiliche Vorbeugungshaft": "Berufsverbrecher", Prostituierte, Bettler, Obdachlose, Alkoholkranke und andere soziale Randgruppen.

Wer als "asozial" oder "arbeitsscheu" galt und in Konzentrationslager einzuweisen war, entschieden die Polizisten aus eigener Machtvollkommenheit. Um den "Volkskörper" zu säubern, deportierte die Kriminalpolizei ab 1943 mehr als 23.000 Sinti und Roma in das Vernichtungslager Auschwitz Birkenau.

In den Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei, die in der besetzten Sowjetunion Juden, Kommunisten und Kriegsgefangene erschossen, stellten Kriminalbeamte neben Gestapoführern und Mitarbeitern des Sicherheitsdienstes der SS das Führungskorps. Mitarbeiter des Kriminaltechnischen Instituts in Berlin entwickelten Gaswagen, in denen Insassen psychiatrischer Anstalten erstickt wurden. Im Gegensatz zur Gestapo und dem SD erklärten die Alliierten im Nürnberger Prozess die Kriminalpolizei nicht zur verbrecherischen Organisation. Dabei war die Kriminalpolizei ebenso wie die Gestapo und der SD Teil des Reichssicherheitshauptamtes, der Terrorzentrale des NS-Staats. Hitlers Kriminalisten deuteten das Urteil als Freispruch, der ihnen die Rückkehr in den Beruf sichern sollte. Dazu schufen sie die Legende von der professionellen, aber unpolitischen Kriminalpolizei, die vom NS-Regime missbraucht wurde.

Bundesländer sahen durch das BKA ihre Polizeihoheit bedroht

Bei der Diskussion um den Aufbau der Polizei in der Bundesrepublik betrieben die Kriminalisten erfolgreich politische Lobbyarbeit. Ihr Vorbild für das Bundeskriminalamt war das von den Alliierten zerschlagene Reichskriminalpolizeiamt. Gegen eine mächtige Bundeskriminalpolizei gab es jedoch Vorbehalte. Die Länder sahen ihre Polizeihoheit bedroht und wehrten sich gegen ein Weisungsrecht des Bundeskriminalamts. Um die Widerstände der "kriminalpolizeilichen Föderasten" und "Kantönli-Politiker" (Wehner) zu brechen, warnte der designierte Gründungsdirektor des Bundeskriminalamtes, Geheimrat Max Hagemann, eindringlich vor der steigenden Kriminalität in der Nachkriegsgesellschaft.

Zahlreichen alten Kameraden wurde der Weg ins BKA geebnet

In der Weimarer Republik hatte Hagemann das preußische Landeskriminalamt aufgebaut. Da er im Dritten Reich nicht mehr im Polizeiapparat tätig war, galt er als unbelastet. Hinter dem aus Ruhestand aktivierten Hagemann zogen Paul Dickopf und Rolf Holle die Strippen. Beide waren 1938/39 an der Führerschule der Sicherheitspolizei ausgebildet worden. Söderman lobte Dickopf, der im Zweiten Weltkrieg als Agent für die deutsche Abwehr und später für den amerikanischen Geheimdienst arbeitete, als "Mädchen für alles bei der Planung des Bundeskriminalamtes".

Zu der gewünschten mächtigen Zentralbehörde konnten Dickopf und Holle das Bundeskriminalamt nicht machen. Von dem geschätzten Instrument der polizeilichen Vorbeugungshaft mussten sich die Kriminalisten verabschieden. Doch zahlreichen alten Kameraden konnte das Gespann Dickopf und Holle den Weg zurück in den Polizeidienst ebenen. Darunter waren Führer von Einsatzkommandos, die den Mord an Zivilisten befehligt hatten, wie Theo Saevecke. Er arbeitete für die Sicherungsgruppe, die für den Schutz der Verfassungsorgane zuständig ist. Ende der 1950er Jahre bestand das Führungskorps des BKA fast ausschließlich aus Beamten des nationalsozialistischen SS- und Polizeiapparats. Es brauchte fast sechzig Jahre, bis das Amt dazu bereit war, sich seiner Vergangenheit zu stellen und eine Historikerkommission mit der Aufarbeitung zu betrauen.