Am 8. Dezember 1991 haben die Präsidenten Russlands, der Ukraine und Weißrusslands die Sowjetunion aufgelöst. Der erste russische Präsident Boris Jelzin gilt deshalb vielen als Zerstörer der UdSSR. Sein engster Mitstreiter Gennadij Burbulis widerspricht. Der damalige russische Staatssekretär und stellvertretende Regierungschef war dabei, als das Imperium mit einer Erklärung von der Weltkarte getilgt wurde.

ZEIT ONLINE: Mitte November 1991 hat Boris Jelzin bei den Verhandlungen mit Gorbatschow noch gesagt: "Ich habe den Willen, die Union zu erhalten." Drei Wochen später hat er die UdSSR aufgelöst. Warum?

Gennadij Burbulis: Das ist nicht wahr, dass Jelzin die UdSSR aufgelöst hat. Wir waren daran interessiert, einen neuen Unionsvertrag aufzusetzen. Bei unserer Reise nach Weißrussland in den Urwald von Belowesch war es das wichtigste Ziel von Boris Jelzin, die ukrainische Delegation und ihren Präsidenten Leonid Krawtschuk davon zu überzeugen, zu einer erneuerten Union zurückzukehren. Tag und Nacht haben wir diese Perspektive diskutiert. Der hartnäckigste und konsequenteste war dabei ausgerechnet Jelzin.

ZEIT ONLINE: Wollte Jelzin einen Unionsstaat oder bereits eine Konföderation unabhängiger Staaten?

Burbulis: Die Unterzeichnung eines neuen Unionsvertrages war für den 20. August vorgesehen. Gorbatschow wollte das Unionszentrum erhalten, aber die Republiken schlugen Verträge zwischen den Republiken und eine lockere Konföderation vor. Ende Juli waren alle Unstimmigkeiten beseitigt. Das Projekt hieß Union Souveräner Staaten, SSG. Gorbatschow war einverstanden und fuhr am 5. August in den Urlaub. Sofort danach begannen die intensiven Vorbereitungen für den Putsch. Dabei verhehlten die Putschisten von Anfang an nicht, dass sie den neuen Vertrag nicht unterstützen. Gorbatschow verhielt sich zweideutig: Einerseits setzte er für den 20. August die Unterzeichnung des Vertrages an. Andererseits zeigte er sich gegenüber Bitten, Notstandsmaßnahmen zu treffen, aufgeschlossen, er schwankte. Das haben die Putschisten gemerkt, am 19. August wurde der Notstand ausgerufen.

ZEIT ONLINE: War das auch das Ende der UdSSR?

Burbulis: Ja, nachdem der Putsch gescheitert war, hörte die Sowjetunion faktisch auf zu bestehen. Als vollwertiger Staat bestand die Sowjetunion am 8. Dezember bereits nicht mehr, er war nicht mehr handlungsfähig. Das wussten Jelzin und Krawtschuk, das wussten alle Führer der Republiken, aber am besten wusste das Gorbatschow. Wir mussten die dringende Frage der Versorgung der Bevölkerung klären. Deshalb war das Treffen im Urwald von Belowesch mit einer großen Frage verbunden: Wie können wir in dieser Situation überleben?

ZEIT ONLINE: Und Russland wollte weiterhin den Vertrag über die Union Souveräner Staaten unterzeichnen?

Burbulis: Nein, wir haben den Gegenstand des Vertrages nicht diskutiert. Nach dem Ergebnis des Unabhängigkeitsreferendums in der Ukraine am 1. Dezember war uns wichtig, jede Möglichkeit zu nutzen, die Ukraine im Orbit unser Interessen zu halten. Als wir begriffen, dass sich die Ukraine einem neuen Unionsvertrag verweigert, haben wir ein neues Format gesucht. Als die Formel gefunden war, dass die Sowjetunion als geopolitische Realität nicht mehr existiert, haben wir mit Befriedigung festgestellt, dass an den Verhandlungen die drei Staaten teilnehmen, die 1922 die Sowjetunion gegründet haben. Wir haben damit eine Legitimität erhalten, die sich in der Formel "Gemeinschaft Unabhängiger Staaten" ausdrückte.