Als die Führung der unabhängigen Gewerkschaft Solidarnosc am 10. Dezember 1981 zu Beratungen in Danzig zusammenkam, herrschte im gesamten Land eine eigentümliche Spannung. Der Ton zwischen der Staatsmacht und der Opposition war in den vergangenen Monaten schärfer geworden. Beide Seiten beschuldigten sich, die Konfrontation zu suchen, statt die drängenden Probleme des Landes zu beheben: Wiederkehrende Streiks, Lohnerhöhungen, der Ausbau von Sozialleistungen, steigende Rohstoffpreise und die wachsende Auslandsverschuldung führten zum Kollaps der Volkswirtschaft. Die Lebensmittelmarken waren nicht ausreichend gedeckt, selbst Grundnahrungsmittel Mangelware. Vor den Geschäften bildeten sich lange Schlangen.

Vermittlungsversuche der Kirche zwischen dem kommunistischen Regime und der Opposition scheiterten. Und über allen schwebte die Forderung des großen sowjetischen Bruders und der DDR an die polnischen Genossen, die "Konterrevolution" der Solidarnosc endlich zu zerschlagen. "Die Gesellschaft, die Regierten in diesem Land sind entschlossen, sich nicht länger mit den Methoden abzufinden, mit der Lebensweise, in der sie seit dreißig Jahren verharren, andererseits aber können die Machthaber, die Regierenden, das System nicht verändern, denn sie sind nicht darauf vorbereitet", beschrieb Jan Olszewski, Rechtsberater der Solidarnosc und später Ministerpräsident Polens, den Patt zwischen Staatsmacht und Opposition.

Patt zwischen Staatsmacht und Opposition

Während die Solidarnosc über ihr weiteres Vorgehen beriet, handelte das Regime: Am 13. Dezember, einem bitterkalten Sonntag, verhängte Wojciech Jaruzelski, Verteidigungsminister, Regierungschef und Erster Sekretär der Vereinigten Polnischen Arbeiterpartei, das Kriegsrecht. Noch bevor er in einer Fernsehansprache die Machtübernahme durch den "Militärrat der nationalen Rettung" verkündete, hatten Armee und Polizei in der Nacht nach vorbereiteten Listen mehr als 3.000 Menschen verhaftet: Aktivisten der Solidarnosc, prominente Intellektuelle, aber auch in Ungnade gefallene Parteigenossen.

Der Staatsstreich verlief reibungslos. Die Grenzen wurden geschlossen, Telefonverbindungen gekappt, Versammlungen und Presseorgane verboten, Büros der Solidarnosc durchsucht, Hochschulen geschlossen und eine Ausgangssperre verhängt. Panzer fuhren in den großen Städten auf, Soldaten besetzten Behörden und Betriebe. Damit endete jäh die Freiheit, die 16 Monate zuvor von den Arbeitern mit landesweiten Streiks erkämpft worden war.

Das bedrängte Regime machte im August 1980 weitreichende Zugeständnisse: eine unabhängige Gewerkschaft, das Ende der Zensur, die Freilassung der politischen Gefangenen. Die Gesellschaft, durch Jahrzehnte der kommunistischen Herrschaft entmündigt und atomisiert, entwickelte eine ungeheure Aktivität. Arbeiter, Bauern und Studenten organisierten sich und stellten Forderungen an die Staatsmacht. Die Gewerkschaft Solidarnosc wuchs zu einer Massenbewegung mit fast zehn Millionen Mitgliedern an, die immer selbstbewusster das Machtmonopol der kommunistischen Partei herausforderten.