Nach eigenen Angaben stößt Vespucci im Süden bis zum 50. Breitengrad vor, bis nach Patagonien und zu einer kahlen Insel, die das heutige Südgeorgien sein könnte. Über Afrika segeln die Seeleute von dort nach Lissabon zurück. Für Vespucci steht jetzt fest: Die lange Küste, an der entlang gesegelt ist, kann unmöglich die Asiens sein. Man müsse "in der Tat einen anderen Teil der Erde ausmachen, welchem gebührt, eine 'Neue Welt' genannt zu werden".

Diese beiden Reisen sind auch aus anderen Quellen belegt. Vespucci zugeschriebene Briefe berichten aber von weiteren Fahrten davor und danach. Schon 1497 soll Vespucci demnach amerikanisches Festland betreten haben – also vor Kolumbus, der erst auf seiner vierten Reise 1502 an Land kam. Die Echtheit der Briefe ist zweifelhaft; sie sind Instrumente in der Rivalität zwischen Portugal und Spanien.

Am Ende seiner Karriere werben die Spanier Vespucci noch einmal ab: Er soll als Piloto Mayor ein neu eingerichtetes Amt für Entdeckungen leiten, das aus den Beobachtungen der Seefahrer Karten erstellt. Er lebt bis zu seinem Tod am 22. Februar 1512 in Sevilla.

Reiseberichte samt zügelloser Sexualität und Kannibalismus

Vespuccis berühmtes Werk Mundus NovusNeue Welt – ist keine unverfälschte Quelle: Die italienischen Briefe an die Medicis, in denen Vespucci seine Entdeckungen schildert, sind verloren. Wie viel der Verleger, der daraus eine lateinische Flugschrift machte, sie ausschmückte, wissen wir nicht. Die ausführlichen Beschreibungen der Reise samt angeblich zügelloser Sexualität und Kannibalismus der Ureinwohner in einfachem Latein finden jedenfalls reißenden Absatz in ganz Europa.

Der Kartograf Martin Waldseemüller nennt 1507 den Südteil des neuen Kontinents auf seiner Weltkarte "America": "Nach seinem Entdecker Americus, einem besonders scharfsinnigen Mann." Der Kartenzeichner aus dem Breisgau ist nicht der einzige, der Vespucci die Rechte am neuen Kontinent zuschreibt.

Diego Kolumbus, der Sohn des Genueser Seefahrers, ist davon so genervt, dass er 1508 ein Gerichtsverfahren anstrengt. Es endet erst 1527: Als Entdecker hat Kolumbus zu gelten, weil er vor Vespucci seinen Fuß auf amerikanisches Festland setzte. Doch der Name Amerika setzt sich durch – für zwei ganze Kontinente, nicht nur, wie Waldseemüller es wohl meinte, für den Süden.