Als das Wasser kommt, schläft Hamburg. Mit 130 Stundenkilometern rast der Orkan Vincinette über Norddeutschland, reißt Bäume aus, deckt Dächer ab, drängt das Wasser der Nordsee in die Deutsche Bucht und in die Elbe. An der Küste ziehen sich sturmerprobte Landbewohner aus den Gefahrenzonen auf höheres Gelände zurück. Aber die Städter wähnen sich sicher.

Am Abend des 16. Februar 1962  warnt das Deutsche Hydrographische Institut vor einer Sturmflut an der gesamten Nordseeküste. Von einer Gefahr für Hamburg ist nicht die Rede. Der NDR strahlt die Warnung nur im Radio aus, im Fernsehen will er die beliebte Serie Familie Hesselbach nicht stören. Als die Tagesschau um 22.15 Uhr versucht, die Hamburger in Alarmstimmung zu versetzen, rechnen die nur mit den üblichen vollgelaufenen Kellern, wie schon Dutzende Male zuvor in diesem Winter, zuletzt vor vier Tagen – und gehen zu Bett.

"Hamburg verschlief die Sintflut", schreibt der Spiegel, als er mehr als eine Woche später wieder erscheinen kann. Das Nachrichtenmagazin schildert ein völlig veraltetes Warnsystem, das auf Böllern beruht, eine nur mit Beamten niedrigen Ranges besetzte Einsatzleitung und ein komplettes Versagen der Behörden.

Deichbruch an 63 Stellen

Andernorts formulieren die Behörden klare Warnungen: "Für Cuxhaven besteht Deichbruchgefahr. Die Bevölkerung wird dringend gebeten, die höheren Stockwerke aufzusuchen. Sagen Sie bitte Ihren Nachbarn Bescheid." In Bremen und Bremerhaven stehen schon am frühen Abend, noch bei Ebbe, Notunterkünfte bereit, Lautsprecherwagen warnen die Bewohner in besonders gefährdeten Gebieten, Bundeswehr, Feuerwehr und Technisches Hilfswerk verstärken die Deiche.

In Hamburg starren die wenigen Nachtschwärmer aufs Wasser und warten, dass es über die Deichkronen schwappt. Niemand sagt ihnen, was sie tun sollen. Spätestens, als der Deich in Cuxhaven bricht, ist klar, dass eine nie dagewesene Flutwelle elbaufwärts strömt. Doch der Leiter der Einsatzstelle in Hamburg, Oberbaurat Bruno Tetsch, zögert damit, Konsequenzen zu ziehen: "Es konnten nicht mit tödlicher Sicherheit Deichbrüche vorausgesagt werden", rechtfertigt er sich später.

Die Deiche brechen an 63 Stellen, werden an vielen anderen Stellen vom Hochwasser einfach überspült. Von einem tödlichen Hochwasser: 340 Menschen sterben in Norddeutschland, davon 315 in Hamburg. 20.000 Hamburger müssen ihre Wohnungen für längere Zeit verlassen, Hunderte für immer. "Eine moderne Weltstadt, 750 Quadratkilometer groß und musterhaft organisiert, eine Festung aus Menschen, Beton und Energie zeigte sich gegen ein 100 Kilometer entferntes Randmeer des Ozeans so anfällig wie ein Pfahldorf der Primitiven", schreibt der Spiegel, "die Sintflut, seit Anbeginn Schreckensvision der Menschen, schien angebrochen."