Ewige Sehnsucht nach dem freien Fall

Sekunden der Todesangst: Albert Berry, Captain der U.S. Army, steigt aus einem Doppeldecker, 450 Meter über der Erde. Er ist der erste Mensch, der den Sprung aus einem Flugzeug wagt – doch sein Fallschirm geht nicht auf. Die Rundkappe aus Baumwolle, elf Meter im Durchmesser, rutscht wie geplant aus ihrem konischen Metallbehälter – aber erst nach 150 Metern spürt Berry den erlösenden Ruck.

Er sei, sagt der Sohn des Ballonfahrers John Berry, durchaus erleichtert gewesen, als der Schirm aufging. Doch die spannende Frage an diesem 1. März 1912 um kurz vor 15 Uhr ist gar nicht, ob er sicher landet. Fallschirmabsprünge sind für Ballonfahrer schon Routine. Flugzeugpiloten dagegen weigern sich, Springer mitzunehmen, weil sie um die Stabilität ihrer Maschinen bangen: Das plötzlich fehlende Gewicht, glauben sie, werde das Flugzeug ins Trudeln bringen.

Berry und sein Pilot Toby Jannus üben, indem sie Ambosse aus dem Doppeldecker werfen. Wie im Versuch, so wackelt auch beim echten Absprung der von Thomas Wesley Benoist gebaute Doppeldecker kaum. Hunderte von Soldaten in den Jefferson Barracks bei St. Louis in Missouri applaudieren dem Springer und seinem Piloten.

Die zahlreichen Zeugen sind der Grund, dass Berrys Sprung als der erste sky dive gilt, der erste Absprung aus einem Flugzeug. Dabei will ein gewisser Grant Morton schon 1911 über Venice Beach, Kalifornien, abgesprungen sein, und die Sowjetunion behauptete 1949, ein Russe sei ebenfalls schon 1911gesprungen. Aber nur Berrys Sprung ist zweifelsfrei belegt.

Die Geschichte des Fallschirmsprungs ist voll unbeweisbarer Behauptungen. Vom angeblich allerersten Fallschirmspringer Shun, einem legendären Kaiser Chinas aus dem 22. vorchristlichen Jahrhundert, weiß man nicht einmal sicher, ob es ihn überhaupt gab.

Da Vincis Fallschirmentwürfe waren schon funktionsfähig

Die theoretischen Wurzeln des kontrollierten Fallens lassen sich indes bis in die Renaissance zurückverfolgen, zu einem italienischen Manuskript aus den 1470er Jahren im British Museum: Es zeigt einen Mann, der sich an einem Stangenkreuz unter einem kegelförmigen Schirm festhält, mit einem Strick gesichert. Wer sich an dem Ding vom Turm gestürzt hätte, hätte es kaum überlebt: zu wenig Stoff. Ein pyramidenförmiger Entwurf Leonardo da Vincis von etwa 1458 dagegen funktioniert, der Brite Adrian Nicholas und andere haben es mehr als 500 Jahre später ausprobiert.

Ein deutscher Soldat springt während des 1. Weltkriegs mit einem Fallschirm aus einem Beobachtungsballon. © Three Lions/Getty Images

Aber wer war nun der erste Fallschirmspringer? Der Kroate Fausto Veranzio alias Faust Vrančić entwarf eine Art flaches Segel samt Holzrahmen – er nennt es Homo Volans, Fliegender Mensch. Er sei damit 1617 von einem Glockenturm in Venedig oder Bratislava gehüpft, heißt es. Aber Vrančić ist da schon alt und krank, stirbt im selben Jahr. Für seinen Sprung gibt es keine zeitgenössische Quelle.

Gut belegt ist erst der Sprung von Louis-Sébastien Lenormand, der sich 1783 vom Turm des Observatoriums in Montpellier stürzt. Er will seinen parachute als Rettungsgerät perfektionieren, um brennende Gebäude evakuieren zu können. Ein thailändischer Seiltänzer, der mit einem Sonnenschirm Balance hält, soll ihn inspiriert haben.

Erste Sprünge aus dem Ballon

Jean Pierre Blanchard ist 1793 der erste, der wegen eines Notfalls mit dem Schirm aus einem defekten Ballon abspringt – wieder mal ohne Zeugen. Blanchard arbeitet auch mit Tierversuchen: In Frankfurt am Main wirft er 1785 einen Hund in einem Fallschirmkörbchen aus einem Ballon, später einen Hammel in Hamburg.

André-Jacques Garnerin wagt als Erster den freiwilligen Ausstieg aus einem Ballonkorb über einem Park in Paris, gefeiert von einer Menschenmenge. Es geht fast schief: Sein Schirm gerät ins Pendeln, schleudert ihn herum. Garnerin schneidet später eine Öffnung oben in den Schirm, um der verdichteten Luft ein Ventil zu geben und so das Pendeln zu minimieren. Garnerins Ehefrau Jeanne Labrosse ist 1799 die erste Frau am Fallschirm.

Amerikanische Soldaten gleiten an Fallschirmen zu Boden (etwa 1940). © Keystone/Getty Images

Sie ebnet den Weg auch für Käthe Paulus, gelernte Schneiderin aus der Nähe von Offenbach. Als Frau des Ballonfahrers Hermann Lattemann flickt sie dessen Ballons und Fallschirme. 1894 plant er ein Experiment: Er will seinen Ballon entleeren und als Fallschirm benutzen. Doch der Ballon kollabiert, Lattemann rast an seiner zuvor abgesprungenen Frau vorbei, die noch am Fallschirm hängt, in den Tod.

Nach dem Militär etabliert sich der Fallschirm als Sportgerät

Käthe Paulus geht als Miss Polly auf Europatournee. Mehr als 100 Mal springt sie mit dem Fallschirm ab. Einer ihrer spektakulärsten Tricks geht so: Sie springt am Schirm vom Ballon, kappt dann die Leinen – das Publikum schreit entsetzt auf – und wird erst von einem zweiten Schirm abgebremst. Im Ersten Weltkrieg wird Paulus Beraterin der deutschen Ballonaufklärer. Sie entwickelt und produziert den faltbaren Paketfallschirm – bis Kriegsende nach eigenen Angaben rund 7.000 Stück.

Nachdem der Fallschirm in den Weltkriegen seine feste militärische Rolle erobert hat, setzt er sich seit den 50er Jahren als Sportgerät durch. Aus immer größerer Höhe springen Menschen, fallen immer länger, bevor sie ihre Schirme öffnen. Echte Adrenalin-Junkies stürzen sich in geflügelten wingsuits von Berghängen oder in aktive sibirische Vulkane. Über Captain Albert Berrys Sekunden der Todesangst können sie nur lachen.