Sterbende Menschen. Fliehende, Verbrennende. Im Schmerz brüllende Tiere. Pablo Picassos Monumentalgemälde Guernica nimmt zwei Jahre vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs dessen Gräuel vorweg. Picasso malt es wenige Wochen, nachdem die deutsche Legion Condor im Spanischen Bürgerkrieg die baskische Stadt Gernika, kastilisch Guernica, in Schutt und Asche gelegt hat.

Am Montag, dem 26. April 1937, läuten in Gernika die Kirchenglocken. Es ist später Nachmittag, ein Gottesdienst wird nicht angekündigt. Minuten später heulen Dornier-Bomber und Heinkel-Jagdflugzeuge über den Marktplatz, auf dem sich  neben den Einwohnern der 6.000-Seelen-Stadt auch Bauern und Einkäufer aus der Region drängen. Spreng-, Splitter- und Brandbomben regnen auf sie herab, bis zu 40 Tonnen Bomben, anderthalb Stunden lang.

"Als ich heute um zwei Uhr morgens in die Stadt kam", schreibt der Kriegsreporter der Londoner Times, George Steer, am Tag nach dem Angriff, "bot sie einen schrecklichen Anblick, von einem Ende bis zum anderen in Flammen. Ihr Widerschein war in den Rauchwolken über den Bergen noch in zehn Meilen Entfernung zu sehen. Die ganze Nacht hindurch stürzten Häuser ein, bis die Straßen zu großen Haufen undurchdringlichen roten Schutts geworden waren."

Die Legion Condor, die die Attacke mit Unterstützung des italienische Corpo Truppe Volontario geflogen hat, ist ein im Geheimen aufgestelltes deutsches Expeditionskorps, mit dem die Nationalsozialisten den Putschisten in Spanien beispringen. Soldaten der Luftwaffe werden in Zivil nach Spanien geschleust und dort in Uniformen ohne deutsche Hoheitszeichen gesteckt. Offiziell sind sie aus der Wehrmacht ausgetreten, um als Freiwillige den "Bolschewismus" zu bekämpfen. In Wahrheit erhalten sie weiter ihren Sold, bekommen sogar saftige Zuschläge.

Demoralisierung als Zweck des Bombardements?

Die Wehrmacht rechtfertigt den Angriff auf Gernika militärisch: Eine Steinbrücke über den Fluss Oca habe zerstört werden sollen, um republikanische Einheiten zu isolieren. Sie leisten den faschistischen Truppen des spanischen Generals Francisco Franco letzten Widerstand auf ihrem Vormarsch nach Bilbao, der Hauptstadt des Baskenlandes. Allerdings wird die Brücke gar nicht getroffen.

Times-Reporter Steer hält die Erklärung für vorgeschoben: "Guernica war kein militärisches Ziel. Eine außerhalb der Stadt liegende Rüstungsfabrik blieb ebenso verschont wie zwei Kasernen in einiger Entfernung. Die Stadt lag weit hinter den Linien. Zweck des Bombardements war augenscheinlich die Demoralisierung der Zivilbevölkerung und die Vernichtung der Wiege des baskischen Volkes." Gernika, 1366 gegründet, gilt den Basken als heilige Stadt. Seit dem Mittelalter finden hier unter einer Eiche, dem Nationalsymbol der Basken, Ratsversammlungen statt.

Steer schildert eine mörderische Taktik der Angreifer: Die ersten Bomben hätten die Menschen "zu sinnlosen Fluchtversuchen" verleiten sollen, um möglichst viele töten zu können. Bewohner erzählen ihm, wie Jagdflieger mit Maschinengewehrsalven Männer, Frauen und Kinder durch die Gassen trieben. Der Überfall, schreibt Steer, sei "in seiner Ausführung, dem Ausmaß der Zerstörung und der Auswahl des Ziels beispiellos in der Militärgeschichte". Er befürchtet, Hunderte von Menschen seien gestorben, die baskische Regierung meldet wenig später gar 1.654 Tote und 889 Verletzte. Heute gehen Historiker von 200 bis 300 Toten aus, allerdings weiß niemand, wie viele Flüchtlinge in der Stadt waren.