Aus der Distanz von dreizehneinhalbtausend Jahren wirken sie ein wenig wie Waffennarren – und das ist ja durchaus eine passende Leidenschaft für jemanden, der in den Weiten der amerikanischen Graslandschaft auf Mammutjagd gehen muss. Jedenfalls sind uns die Clovis, die Angehörigen der berühmtesten amerikanischen Steinzeitkultur, vor allem durch ein Markenzeichen bekannt: ihre Begeisterung für außergewöhnlich fein gearbeitete Steinspitzen, handlang, oft aus farbenprächtigem Rohmaterial und vor allem hauchdünn gemessen an den andernorts gültigen Standards der Zeit.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass die Clovis noch ein weiteres Alleinstellungsmerkmal hatten: Sie galten als die ersten Menschen, die je Fuß auf den amerikanischen Kontinent gesetzt hatten. In weniger als 500 Jahren – das schlossen Forscher aus dem nahezu zeitgleichen Auftreten der Clovis-Spitzen im Fundmaterial – sollten sie aus Asien kommend fast ganz Nordamerika und Teile Südamerikas erobert haben. Ihre Hinterlassenschaften finden sich praktisch in allen Regionen der heutigen USA .

Wie genau diese Expansion vor sich gegangen sein musste, stand schon relativ bald fest, nachdem Archäologen die erste Steinspitze unweit des namensgebenden Städtchens Clovis in New Mexiko im Jahr 1929 entdeckt hatten: Ein eiszeitlich niedriger Meeresspiegel hatte in der Beringsee eine Landbrücke freigegeben, die es Menschen aus Sibirien erlaubte, trockenen Fußes nach Amerika zu wandern. Zunächst endete der Weg allerdings in Alaska , denn der Zugang nach Süden wurde vom mächtigen Eispanzer des Laurentidischen und des Kordilleren-Eisschilds in Kanada versperrt. Als das Eis schmolz, schrumpften die beiden Gletscher, und die Clovis schlüpften durch einen Korridor dazwischen hindurch. Vor etwas mehr als 13.000 Jahren betraten sie als erste das weite Land im Süden.

Doch so plausibel die Geschichte klingen mag, sie stimmt nicht. In den vergangenen Jahrzehnten sind Archäologen immer wieder auf Fundplätze gestoßen, deren Artefakte in eine Zeit mehrere Jahrtausende vor dem Auftauchen der Clovis datieren; und noch dramatischer: Jahrtausende vor Öffnung des Korridors.

Auf dem Cactus Hill in der Nähe von Richmond, Virginia hielten sich beispielsweise Jäger bereits vor mindestens 15.500, wenn nicht gar 19.000 Jahren auf. Auch der Meadowcroft Rockshelter in Pennsylvania war ähnlich früh bewohnt. Und wie die Fundstelle Monte Verde in Chile beweist, mussten Menschen bereits vor 14.600 Jahren bis nach Südamerika vorgedrungen sein.

Aus für "Clovis First"

Zwar hatte es anfangs Streit um die Zuverlässigkeit der Datierungen gegeben, doch mittlerweile steht fest: Die "Clovis-first-Hypothese" ist, nach Jahrzehnten unumstrittener Herrschaft, am Ende. Die Menschheit muss deutlich früher als gedacht ins Gebiet der heutigen USA gekommen sein.

Fragt sich nur, wie. Ein allgemein akzeptierter Thronfolger der Clovis-Theorie hat sich noch nicht finden lassen – und entsprechend heftig brodelt es in Forscherkreisen: "Wer sich in den letzten Jahrzehnten auf dieses Gebiet vorwagte, brauchte schon die Haut eines Wollhaarmammuts", witzelten kürzlich die Redakteure von Nature in einem Editorial zur Besiedlung Amerikas .

Erschienen auf spektrum.de © Screenshot ZEIT ONLINE

Und so kommt es, dass eine spektakuläre Alternativerklärung aus der Versenkung auftauchen kann, die die Forschergemeinde eigentlich längst widerlegt glaubte: Die Vorfahren der Clovis könnten womöglich gar nicht aus Asien stammen, wie alle dachten, sondern aus Europa . Genauer gesagt, aus der Region des heutigen Baskenlands. Vor rund 18.000 Jahren sollen Menschen in kleinen Booten übergesetzt haben – immer entlang der Grenze des Packeises, das damals im Winter bis in die Biskaya und nach Neufundland gereicht haben dürfte.

Aus ihnen könnten sich schließlich vor Ort die Clovis entwickelt haben – allerdings nur die Clovis, denn die heutigen amerikanischen Ureinwohner haben definitiv asiatische Wurzeln, wie genetische Untersuchungen zeigen. Ihre Ahnen kamen demnach später auf der klassischen Bering-Route durch den eisfreien Korridor oder hangelten sich schon früher entlang der Westküste in Booten nach Süden vor.