Uwe Barschel darf nicht ruhen – Seite 1

Genf , 11. Oktober 1987. Um 12.43 Uhr drückt der Stern -Reporter Sebastian Knauer auf den Kamera-Auslöser und macht das Bild seines Lebens: Darauf zu sehen ist der Tod. Die Aufnahme zeigt die Leiche Uwe Barschels in der Badewanne von Zimmer 317 des Genfer Hotels Beau Rivage . Die Armbanduhr des ehemaligen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten hält die genaue Uhrzeit seines Todes fest, schreibt der Spiegel später.

Das Foto des toten CDU-Politikers in der gefüllten Wanne, bekleidet mit Hose, Hemd und Krawatte – es ist bis heute das Symbol für das tragische Ende eines Polit-Skandals, der als Barschel-Affäre in die Geschichte einging. Und es steht für einen der mysteriösesten Kriminalfälle Deutschlands.

Wie starb Uwe Barschel? War es Mord? Oder Selbstmord? Auch 25 Jahre danach ist das nicht völlig geklärt. Ungereimtheiten, Ermittlungspannen und die Hartnäckigkeit, mit der Journalisten, Buch- und Filmautoren, ehemalige Ermittler und seine Witwe Freya Barschel an der Mord-Theorie festhalten, tragen bis heute zur Legenden-Bildung bei. Der Fall Barschel wird gerne als Gruselgeschichte erzählt. Das Bild aus der Wanne darf dazu nicht fehlen.

Während die einen überzeugt sind, Barschel sei von Waffenschiebern, Mossad-Agenten oder anderen Unbekannten ermordet worden, und dafür immer neue angebliche "Beweise" vorlegen, sind andere überzeugt, dass der CDU-Mann kurz nach seinem Rücktritt als Ministerpräsident  – in die Enge getrieben durch die Affäre im Kieler Landtag – Selbstmord beging.

Vom Verdacht zum Ehrenwort

Um der Wahrheit näherzukommen, muss man sich die Tage und Wochen vor der Todesnacht zum 11. Oktober noch einmal vor Augen führen:

Der sehr konservative CDU-Politiker ist 43 Jahre alt. Seit fünf Jahren regiert er im nördlichsten Bundesland. Am Samstag vor der Landtagswahl wird bekannt, über was für einen unglaublichen, nie dagewesenen Skandal der Spiegel am Montag, den 14. September 1987 , in seiner Titelgeschichte berichten wird: Barschel habe mit Hilfe seines Medienreferenten Reiner Pfeiffer eine Verleumdungsintrige gegen seinen SPD-Herausforderer Björn Engholm gestartet, um ihn von der Macht fernzuhalten. Detektive wurden auf Engholm angesetzt. Eine anonyme Anzeige wegen Steuerhinterziehung gegen den Kontrahenten erstattet. Die ganze Republik ist in Aufregung, rasch ist die Rede vom "Waterkantgate" an der norddeutschen Küste, in Anlehnung an die Watergate-Affäre.

Fünf Tage später geht Barschel in die Offensive: In seiner berühmt gewordenen Ehrenwort-Pressekonferenz weist er alle Anschuldigungen zurück und verweist auf eidesstattliche Erklärungen von ihm und mehreren seiner Mitarbeiter. Zum Schluss fügt er in gestelzten Worten hinzu: "Über diese Ihnen gleich vorzulegenden eidesstattlichen Versicherungen hinaus gebe ich Ihnen, gebe ich den Bürgerinnen und Bürgern des Landes Schleswig-Holsteins und der gesamten deutschen Öffentlichkeit mein Ehrenwort – ich wiederhole: Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort! – dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe haltlos sind."

Ein Politiker, der sein Ehrenwort gibt? Das wirkt schon 1987 seltsam antiquiert. Und es weckt Zweifel selbst bei Beobachtern, die bis dahin überzeugt sind, dass an den Anschuldigungen etwas dran ist. Würde ein Politiker seine Ehre aufs Spiel setzen, wenn er nicht von seiner Unschuld überzeugt wäre?

Wenige Tage später jedoch tritt ein eilig einberufener Untersuchungsausschuss des Landtags zusammen, der die Vorwürfe aufklären soll, und Barschels Lügengebäude – so scheint es damals zumindest – fällt in Windeseile in sich zusammen. Mitarbeiter sagen aus, dass sie vom Ministerpräsidenten zu falschen Eides-Erklärungen gezwungen worden seien. Der "Kronzeuge" Pfeiffer, ein dubioser, wegen Verleumdung vorbestrafter früherer Redakteur von Anzeigenblättern, vom Springer-Verlag an Barschel vermittelt, wiederholt vor den Abgeordneten seine Darstellung, die er schon dem Spiegel erzählt hat. Wie später herauskommt, hat er von dem Blatt jede Menge Geld dafür bekommen. Auch einen Rechtsbeistand für Pfeiffer zahlt der Spiegel .

Dann sagt das Opfer der Verleumdungen aus: Björn Engholm. Im Sitzungssaal des Kieler Landeshauses kann man die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören, als Engholm berichtet, wie ihm beispielsweise zugetragen wurde, dass er an Aids erkrankt sei, und wie er wochenlang von Detektiven bespitzelt wurde – veranlasst angeblich alles aus der Staatskanzlei. Selbst CDU-Leute im Ausschuss reagieren entsetzt, manche unter Tränen. Reihenweise fallen Unterstützer Barschels, die ihn bis dahin regelrecht verehrt haben, von ihm ab.

Die Nacht in Genf

Der Druck auf Barschel wächst von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde. Am 2. Oktober tritt er zurück und flüchtet mit seiner Frau nach Gran Canaria. Alle fiebern seiner Aussage vor dem Untersuchungsausschuss entgegen. Aber dann, einen Tag zuvor, kommt plötzlich die elektrisierende Nachricht: Barschel sei in einem Hotel in Genf tot aufgefunden worden. Ein Stern -Reporter habe ihn leblos in der Badewanne seines Zimmers entdeckt. Zunächst war von Schüssen die Rede, dann von Selbstmord.

Einsam und verfolgt

Schnell wurde aus dem Waterkantgate ein hochspannender Krimi. Schon vorher waren Gerüchte aufgetaucht: Barschel sei in Waffengeschäfte verstrickt gewesen, möglicherweise im Zusammenspiel mit der Stasi, da er wiederholt heimlich in die DDR gereist war, oder zwischen Israel und dem Iran. Steckten also Geheimdienste hinter seinem Tod? Und wer war der Unbekannte, den er angeblich in Genf treffen wollte: ein Agent, ein Waffenhändler oder doch ein "Informant", der ihm "Entlastungsmaterial" übergeben wollte, wie seine Witwe bis heute behauptet?

Die wahre Erklärung für den Tod Baschels dürfte viel simpler sein, als es all die ungeklärten Umstände und die Details aus der Todesnacht vermuten lassen. Barschel, den schon Mitschüler als äußerst ehrgeizig beschrieben, stand offenbar bereits lange vor Bekanntwerden der Affäre unter starkem inneren Druck. Er, der Karriere-Jurist, zweifacher Doktor, der nebenbei an einer wissenschaftlichen Laufbahn bastelte, konnte sich offenbar überhaupt nicht vorstellen, sein Amt als Ministerpräsident an die SPD zu verlieren, die zudem in Schleswig-Holstein traditionell sehr links stand. Um das zu verhindern, sagen Leute, die ihn persönlich kannten, hätte er so manches unternommen.

Vom Sieger zum Verfolgten

Bekannt ist jedenfalls, dass Barschel seit 1980 ein starkes Beruhigungsmittel nahm. Als er wenige Monate vor der Wahl als einziger Insasse den Absturz einer Privatmaschine in Lübeck knapp überlebte und nach wochenlangem Krankenhausaufenthalt zum ersten Mal wieder öffentlich auftrat, sagte er auf einer Wahlveranstaltung, die "Vorsehung" habe ihn auserwählt, das Land in der Hand der CDU zu halten.

Und dieser Mann, der sich auserwählt wähnte, für den es nach einer Kindheit in einer Flüchtlingsbaracke bis dahin immer nur aufwärts gegangen war, sah sich nun plötzlich auf der nationalen Anklagebank, verlassen von seinen Parteifreunden und selbst von Getreuen, in auswegloser Situation. Denn alle Welt schien von seiner Schuld überzeugt, auch wenn die Jahre später durch einen zweiten Untersuchungsausschuss zur Verwicklung der SPD in die Affäre infrage gestellt wurde. Fast keiner hielt mehr zu ihm. Aus einem strahlenden Sieger war urplötzlich ein einsamer Verfolgter geworden.

Ein Sterbehelfer?

Die vielen ungeklärten Spuren in seinem Hotelzimmer – eine fehlende Weinflasche, ein ausgespültes Whisky-Fläschchen mit Giftspuren, verstreute Bekleidungsstücke, nicht zuzuordnende Fußabdrücke auf der Badematte und jüngst entdeckte DNA-Reste eines Fremden an seiner Kleidung – könnten daher eine einfache Erklärung haben: Barschel war nicht allein, als er starb, er hatte einen Sterbehelfer bei sich.

Schon die Mixtur an acht Medikamenten und Giftstoffen, die in seinem Körper gefunden worden waren, deuteten von Anfang an auf einen – möglicherweise begleiteten – Selbstmord hin. Denn die Zusammensetzung entsprach ziemlich genau dem, was Sterbehilfeorganisationen für die Selbsttötung empfehlen. Der Mann, den Barschel zunächst in Zürich, dann in Genf oder anderswo treffen wollte, war womöglich ein Abgesandter einer solchen Vereinigung, wie sie in der Schweiz legal agieren dürfen. Heute, 25 Jahre nach der Todesnacht im Beau Rivage, erscheint diese Theorie am wahrscheinlichsten. Dass sie jemals bewiesen werden kann, ist unwahrscheinlich.

Keine Beweise für Mord

Für einen Mord, durch wen und aus welchem Grund auch immer, gibt es bis heute jedenfalls keinen einzigen Beleg. Nachdem sich die Waffenhandel-Spur als Sackgasse entpuppte, fehlt es Ermittlern vor allem an einem überzeugenden Motiv. Das stellte der Kieler Generalstaatsanwalt Erhard Rex 2007 in einem 63-seitigen Bericht fest. Jahrelange Ermittlungen des unermüdlichen, von einem Mord überzeugten Lübecker Staatsanwalts Heinrich Wille waren zuvor ergebnislos eingestellt worden.

Die Anhänger der Mordtheorie wird das nicht davon abhalten, diese weiterhin aufrecht zu erhalten. Doch auch sie können eigentlich nicht die Augen davor verschließen, dass so gut wie alles dafür spricht, dass Uwe Barschel seinem Leben selbst ein Ende bereitete.

Ludwig Greven berichtete 1987 für eine Nachrichtenagentur über den Fall Barschel.