Schnell wurde aus dem Waterkantgate ein hochspannender Krimi. Schon vorher waren Gerüchte aufgetaucht: Barschel sei in Waffengeschäfte verstrickt gewesen, möglicherweise im Zusammenspiel mit der Stasi, da er wiederholt heimlich in die DDR gereist war, oder zwischen Israel und dem Iran. Steckten also Geheimdienste hinter seinem Tod? Und wer war der Unbekannte, den er angeblich in Genf treffen wollte: ein Agent, ein Waffenhändler oder doch ein "Informant", der ihm "Entlastungsmaterial" übergeben wollte, wie seine Witwe bis heute behauptet?

Die wahre Erklärung für den Tod Baschels dürfte viel simpler sein, als es all die ungeklärten Umstände und die Details aus der Todesnacht vermuten lassen. Barschel, den schon Mitschüler als äußerst ehrgeizig beschrieben, stand offenbar bereits lange vor Bekanntwerden der Affäre unter starkem inneren Druck. Er, der Karriere-Jurist, zweifacher Doktor, der nebenbei an einer wissenschaftlichen Laufbahn bastelte, konnte sich offenbar überhaupt nicht vorstellen, sein Amt als Ministerpräsident an die SPD zu verlieren, die zudem in Schleswig-Holstein traditionell sehr links stand. Um das zu verhindern, sagen Leute, die ihn persönlich kannten, hätte er so manches unternommen.

Vom Sieger zum Verfolgten

Bekannt ist jedenfalls, dass Barschel seit 1980 ein starkes Beruhigungsmittel nahm. Als er wenige Monate vor der Wahl als einziger Insasse den Absturz einer Privatmaschine in Lübeck knapp überlebte und nach wochenlangem Krankenhausaufenthalt zum ersten Mal wieder öffentlich auftrat, sagte er auf einer Wahlveranstaltung, die "Vorsehung" habe ihn auserwählt, das Land in der Hand der CDU zu halten.

Und dieser Mann, der sich auserwählt wähnte, für den es nach einer Kindheit in einer Flüchtlingsbaracke bis dahin immer nur aufwärts gegangen war, sah sich nun plötzlich auf der nationalen Anklagebank, verlassen von seinen Parteifreunden und selbst von Getreuen, in auswegloser Situation. Denn alle Welt schien von seiner Schuld überzeugt, auch wenn die Jahre später durch einen zweiten Untersuchungsausschuss zur Verwicklung der SPD in die Affäre infrage gestellt wurde. Fast keiner hielt mehr zu ihm. Aus einem strahlenden Sieger war urplötzlich ein einsamer Verfolgter geworden.

Ein Sterbehelfer?

Die vielen ungeklärten Spuren in seinem Hotelzimmer – eine fehlende Weinflasche, ein ausgespültes Whisky-Fläschchen mit Giftspuren, verstreute Bekleidungsstücke, nicht zuzuordnende Fußabdrücke auf der Badematte und jüngst entdeckte DNA-Reste eines Fremden an seiner Kleidung – könnten daher eine einfache Erklärung haben: Barschel war nicht allein, als er starb, er hatte einen Sterbehelfer bei sich.

Schon die Mixtur an acht Medikamenten und Giftstoffen, die in seinem Körper gefunden worden waren, deuteten von Anfang an auf einen – möglicherweise begleiteten – Selbstmord hin. Denn die Zusammensetzung entsprach ziemlich genau dem, was Sterbehilfeorganisationen für die Selbsttötung empfehlen. Der Mann, den Barschel zunächst in Zürich, dann in Genf oder anderswo treffen wollte, war womöglich ein Abgesandter einer solchen Vereinigung, wie sie in der Schweiz legal agieren dürfen. Heute, 25 Jahre nach der Todesnacht im Beau Rivage, erscheint diese Theorie am wahrscheinlichsten. Dass sie jemals bewiesen werden kann, ist unwahrscheinlich.

Keine Beweise für Mord

Für einen Mord, durch wen und aus welchem Grund auch immer, gibt es bis heute jedenfalls keinen einzigen Beleg. Nachdem sich die Waffenhandel-Spur als Sackgasse entpuppte, fehlt es Ermittlern vor allem an einem überzeugenden Motiv. Das stellte der Kieler Generalstaatsanwalt Erhard Rex 2007 in einem 63-seitigen Bericht fest. Jahrelange Ermittlungen des unermüdlichen, von einem Mord überzeugten Lübecker Staatsanwalts Heinrich Wille waren zuvor ergebnislos eingestellt worden.

Die Anhänger der Mordtheorie wird das nicht davon abhalten, diese weiterhin aufrecht zu erhalten. Doch auch sie können eigentlich nicht die Augen davor verschließen, dass so gut wie alles dafür spricht, dass Uwe Barschel seinem Leben selbst ein Ende bereitete.

Ludwig Greven berichtete 1987 für eine Nachrichtenagentur über den Fall Barschel.