"Welche Gläser stelle ich für den Weißwein hin?" – "Schlag doch mal im Knigge nach." – "Kann ich mit dem dunkelgrauen Mantel auf die Beerdigung?" – "Keine Ahnung, wie Knigge das fände." – "Der Müller und ich, wir könnten uns eigentlich längst duzen, aber darf ich ihm das vorschlagen?" – "Was steht denn im Knigge?"

Der arme, missverstandene Adolph Franz Friedrich Ludwig Freiherr Knigge. Sein vor 225 Jahren erschienenes Buch Über den Umgang mit Menschen wird schon kurz nach dem Tod des Autors auf einen Benimmratgeber reduziert. Jede neue Edition fügt Anstandsregeln hinzu, an die Knigge sich nie gehalten hat. Und heute wird sein Werk zum Business-, Getränke- und China-Knigge, zum Krawattenknotenkatalog oder zum Knigge für Softwarearchitekten verballhornt.

Dabei ist Knigge doch, wie sein Grabstein im Bremer Dom erinnert, ein "Bürgerfreund, Aufklärer, Völkerlehrer". Einer, der das steife Korsett der Rituale aufschnüren will. Und einer, der sich alles andere als höflich von "Windbeuteln, Schafsköpfen, Schöpsen, Plusmachern, Pinseln" distanziert.

Knigge brauchte Geld

Knigge will "nicht etwa ein Komplimentierbuch schreiben, sondern einige Resultate aus den Erfahrungen ziehen, die ich gesammelt habe, während einer nicht kurzen Reihe von Jahren, in welchen ich mich unter Menschen aller Arten und Stände umhertreiben lassen und oft in der Stille beobachtet habe". Gelegenheit dazu hat er, denn er kommt herum im Leben: Er arbeitet als Verwaltungsbeamter an mehreren Fürstenhöfen, engagiert sich in Orden und Geheimlogen, sympathisiert mit der Französischen Revolution und steht deshalb unter Beobachtung der Polizeidienste.

In seinem Roman Geschichte Peter Clausens von 1785 macht Knigge sich über die "erbärmlichsten Hofschranzen" und das "Hofgeschmeisse" lustig, die Schlösser und Burgen seiner Zeit bevölkern. Er ist allerdings dazu gezwungen, sich mit ihnen einzulassen, denn er ist adlig und braucht das Geld.

Als Spross eines alten niedersächsischen Adelsgeschlechts wird Knigge in seinem Elternhaus, der Wasserburg Bredenbeck, standesgemäß erzogen. Als er 14 ist, stirbt nach der Mutter auch sein Vater und hinterlässt ihm gigantische Schulden. Die Gläubiger übernehmen die Burg und den dazugehörigen Gutsbetrieb. Knigges Vormund lässt ihn in Göttingen Jura und Kameralistik (heute würden wir Verwaltungswissenschaften sagen) studieren.

Nach dem Studium heuert Knigge beim Landgrafen von Hessen und Kassel als Hofjunker an, wird aber als Querulant hinausgeworfen. 1773 muss er eine Hofdame heiraten, nachdem er ihr einen Streich gespielt hat: Henriette von Baumbach pflegt heimlich unterm Tisch ihre engen Schuhe auszuziehen. Knigge lässt einen davon entwenden und auf dem Silbertablett servieren. Die Fürstin findet diese Bloßstellung so wenig amüsant, dass sie Knigge in die Ehe zwingt.

Wahrer Anstand statt aufgesetzte Höflichkeit

Die Episode aus Knigges Leben illustriert, wie wenig er mit den aufgesetzten Benimmregeln bei Hofe anfangen kann. Er nimmt die herrschende Klasse seiner Zeit als dekadent und korrupt wahr. In seinem Buch geht es stattdessen um wahren menschlichen Anstand, der auch in Zeiten des Wandels Halt und Orientierung gibt.

Mit "Umgang mit Menschen" meint der Freiherr die Kunst, "sich nach den Temperamenten, Einsichten und Neigungen der Menschen zu richten, ohne falsch zu sein; sich ungezwungen in den Ton jeder Gesellschaft stimmen zu können, ohne weder Eigentümlichkeit des Charakters zu verlieren, noch sich zu niedriger Schmeichelei herabzulassen". Dazu gehören, schreibt er, zwar "eine gewisse Geschmeidigkeit", doch "hüte man sich, dieselbe zu verwechseln mit der schändlichen, niedrigen Gefälligkeit des verworfenen Sklaven".