Fast jeder ist schon einmal an ihnen vorbei gelaufen, hat sie vielleicht genauer angeschaut. Überall in Deutschland erinnern kleine Messingplatten vor Hauseingängen daran, wen die Nationalsozialisten  hier deportierten. Diese Menschen ließen Häuser, Geschäfte, Vermögen zurück. Doch wer organisierte die Enteignung und Ausplünderung vor allem von Juden während der NS-Diktatur?

Das Bundesfinanzministerium arbeitet derzeit seine Geschichte auf. Eine Historikerkommission untersucht die Rolle seiner Vorgängerbehörde, einzelne Autoren verfassen dazu umfangreiche Studien. Ähnlich haben es zuvor schon Justiz- und Außenministerium getan. In Berlin stellen die Forscher nun ihre ersten Ergebnisse vor. Es tun sich Abgründe auf. 

"Während der Deportationen räumten Finanzbeamte die verlassenen Wohnungen, überführten das letzte Hab und Gut der Verschleppten in Staatsbesitz und klärten 'offene' Vermögensfragen", heißt es in einer Zusammenfassung der Studie, die Christiane Kuller erstellt hat, Professorin für Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin.

Das Buch über die antisemitische Finanzpolitik ist der erste Band einer sechsteiligen Serie, die im Oldenbourg Wissenschaftsverlag erscheint. Es folgen Ausgaben etwa zur nationalsozialistischen Steuerpolitik, der Ausbeutung der besetzten Gebiete und zum Aufbau der Behörde.

Die Historiker werten dazu umfangreiches Quellenmaterial aus. Kuller hat im Bundesarchiv geforscht, ließ sich auch Akten in regionalen Finanzämtern vorlegen. Was geschah damals in den Amtstuben? "Was die Finanzbeamten taten, war ein wichtiger Beitrag zur Vernichtungspolitik", sagt die Historikerin. "Sie tilgten die letzten Spuren des bürgerlichen Lebens der deportierten Juden."

Bankguthaben, Wertpapiere, Immobilien

Untersucht hat Kuller auch, was mit den Vermögen geschah. Profitiert von den Plünderungen habe nicht allein der NS-Fiskus. "Bankguthaben, Wertpapiere und Immobilien wurden in den Staatsetat übernommen, Möbelstücke, Kunstwerke und Alltagsgegenstände fanden ihren Weg in Finanzdienststellen – mitunter auch in die Privathaushalte von Finanzbeamten", sagt die Historikerin.

Ein Gesamtwert der enteigneten Vermögen lässt sich schwer nennen. Es sei zwar jede Einnahme im Finanzministerium minutiös aufgezeichnet worden, sagt Kuller, die Beamten hätten die Werte aber bewusst zu niedrig angesetzt. "Außerdem verloren Immobilien seit der Machtübernahme der Nazis an Wert", erklärt die Forscherin. Jüdische Eigentümer versuchten vor ihrer Flucht massenhaft Häuser zu verkaufen, was die Preise fallen ließ. Aus der Steuerschätzung des Jahres 1933 gehe dennoch hervor, dass sich das jüdische Vermögen auf etwa 16 Milliarden Reichsmark belief. 4 Milliarden davon wurde während der NS-Zeit ins Ausland gebracht, der Rest der Summe floss in Hitlers Staatshaushalt.

Verbindung aus Bürokratie und Verbrechen

Die Mitarbeiter der Finanzbehörden hätten darüber hinaus als Vermittler der Vermögen gehandelt. Wenn Gegenstände aus jüdischem Besitz weiterverkauft oder auch verschenkt wurden, hätten die Finanzbeamten wesentlich mitbestimmt, wer davon profitierte.

Bürokratie und Verbrechen gingen während der NS-Diktatur ineinander über. Die Finanzbeamten mussten sich laut der Studie nicht einmal auf antisemitische Regelungen berufen, die im Dritten Reich neu erlassen wurden. Sie legten auch ältere Gesetze systematisch rassistisch aus und wandten sie in einem neuen und häufig pervertierten Kontext an.

Antijüdische Verwaltungsroutine

Es habe sich ab 1935 eine "antijüdische Verwaltungsroutine" herausgebildet, sagt Kuller. "Judenfragen" seien häufig an einem Ort zusammengeführt worden: "Solche speziellen Dienststellen mit antisemitischer Ausrichtung gab es im Reichsfinanzministerium, in den Mittelbehörden und an der Basis der Reichsfinanzverwaltung." Das Fazit der Forscherin ist klar: Gerade langjährige Mitarbeiter nutzten ihre professionelle Kompetenz dazu, politisch im Sinne der Hitler-Diktatur zu agieren.

War den Finanzbeamten jedoch klar, dass sie an der Organisation des staatlichen Massenmordes beteiligt waren? Kuller sagt dazu, gerade einigen leitenden Beamten seien die Zusammenhänge durchaus ersichtlich gewesen. Sie hätten auch an der Planung mitgewirkt. Die breite Masse der Finanzbeamten war laut Studie weniger involviert. In Einzelfällen hätten Mitarbeiter dennoch bemerken können, dass Deportierte ermordet wurden.