Es gibt viele Wunder im Leben des Hermann von der Reichenau. Eines der kleineren ist, dass wir seinen genauen Geburtstag kennen und nicht nur eine fragwürdige Jahreszahl wie bei so vielen seiner Zeitgenossen. Seine Mutter, Gräfin Hiltrud von Altshausen, merkte sich die denkwürdigen Daten im Leben der mit 15 Kindern gesegneten Großfamilie. Von ihr wusste Hermann, dass er am 18. Juli 1013 zur Welt gekommen war und schrieb es auf.

Ein größeres Wunder ist, dass Hermann überhaupt lange genug am Leben blieb, um sich zu einem der bedeutendsten Gelehrten des frühen Mittelalters zu entwickeln. Laut seinem Schüler und Benediktinerbruder Berthold litt er an einer schweren angeborenen Krankheit: "Er war derart durch die Grausamkeit der Natur an den Gliedmaßen verrenkt, dass er sich von der Stelle, auf die man ihn niedersetzte, nicht ohne Hilfe wieder wegbewegen, noch sich auf die eine oder die andere Seite wenden konnte."

Allerdings ist nicht sicher, ob Hermann mit dem Leiden geboren wurde. Die Beschreibung der Symptome erinnert an eine Form der amyotrophen Lateralsklerose, die erst bei jungen Erwachsenen auftritt. Es ist die Krankheit, die auch den Astrophysiker Stephen Hawking in den Rollstuhl zwingt. Hermann bekam den Beinamen "Contractus", der Lahme.

Hermann war auf Diener angewiesen, die ihn im Tragsessel transportierten, und konnte nur mit Schwierigkeiten sprechen: "In diesem Sessel war dieses nützliche und wundersame Werkzeug der göttlichen Vorsehung, wiewohl er gelähmt an Zunge, Lippen und Mund, nur gebrochene und kaum verständliche Töne langsam hervorbringen konnte, ein beredter und eifriger Verteidiger seiner Lehrsätze, munter und zierlich in der Rede, äußerst schlagfertig in der Gegenrede und zur Beantwortung von Fragen stets willfährig", schrieb sein Biograf Berthold.

Im Zentrum der Gelehrsamkeit

Wäre Hermann in eine Bauernfamilie geboren worden, er hätte als unnützer Esser oder gar als Besessener gegolten. Doch er gehörte dem schwäbischen Hochadel an, der Familie des Grafen Wolfrad von Altshausen, die für ihn den Schutzraum des Klosters fand.

Die Benediktinerabtei auf der Bodenseeinsel Reichenau war seit ihrer Gründung 724 ein Zentrum der Gelehrsamkeit. Hermann lernte hier Lesen, Schreiben und Latein. Als Mönch studierte er vor allem das Quadrivium, die der Welt der Zahlen gewidmeten Fächer Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie. Zusammen mit dem eher wortgebundenen Trivium (Grammatik, Rhetorik, Dialektik) bildeten sie die sieben "Artes Liberales", die freien Künste.

Die frommen Gelehrten wollten im Quadrivium vor allem die göttliche Harmonie der Schöpfung verstehen. Hermann erfand eine der ersten Notenschriften, schrieb ein Buch über Harmonielehre und komponierte lateinische Lieder für den Gottesdienst. Das Marienlied Salve Regina wird bis heute in der katholischen Kirche gesungen.

Auch seine astronomischen Studien stellte Hermann in den Dienst der Liturgie. Um die Gebetszeiten besser bestimmen zu können, studierte er die lateinischen Übersetzungen arabischer Schriften, in denen das Wissen der Antike überliefert war. So entwickelte er die Bauanleitung für ein Astrolabium, ein Instrument zur Bestimmung von Ort und Zeit anhand der Fixsterne. Auch Pläne für eine Sonnenuhr und die dazugehörigen Tabellen zur Zeitmessung für den Standort Reichenau brachte er zu Papier.