Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt – mit diesem Filmtitel trat Rosa von Praunheim 1971 eine neue Homosexuellenbewegung in der Bundesrepublik los. Diesen Sommer feiern wieder Tausende Schwule, Lesben, Bisexuelle und transidente Menschen den Christopher Street Day. Am Wochenende allein in sechs deutschen Städten. Diese Tradition war nicht die erste Emanzipationswelle von Menschen, die sich zur LBGT-Gemeinde zählen. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts blühte in Berlin schwullesbisches Leben. 

Der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig beschreibt die Zeit in der Weimarer Republik in seinen Lebenserinnerungen Die Welt von Gestern als bunten Hexensabbat. "Den Kurfürstendamm entlang promenierten geschminkte Jungen mit künstlichen Taillen und nicht nur Professionelle; jeder Gymnasiast wollte sich etwas verdienen, und in den verdunkelten Bars sah man Staatssekretäre und hohe Finanzleute ohne Scham betrunkene Matrosen zärtlich hofieren." Auf den berühmten Berliner Transvestitenbällen tanzten Männer in Frauenkleidern und Frauen in Männerkleidung. Der Erste Weltkrieg war zu Ende, die Wirtschaft lag am Boden und hatte die bürgerliche Moralordnung mit sich gerissen. In Berlin feiert sich die Jugend, das Leben, die sexuelle Freiheit. 

Dank einer toleranten Polizeidirektion gab es in Berlin mehr Schwulen- und Lesben-Lokale als überall sonst in Europa. Für jede Preiskategorie war etwas dabei. Im alten Zentrum Berlins – im Scheunenviertel und südlich vom Spittelmarkt – hatten sich schon um die Jahrhundertwende viele Schwule und Lesben niedergelassen. "Es wird wohl ein bisschen gekokst, ein paar sind besoffen, es gibt einen Zoff, ein verliebtes Paar ist zärtlich miteinander – aber im allgemeinen geht es ungemein anständig und ehrbar zu." So beschreibt der Journalist Hans Siemens die Szenerie in der Adonis-Diele von 1927.  

In den mondänen Lokalen des Westens dagegen war die vermeintliche "Perversion" zur Mode geworden. "Im vornehmen Westen vollzieht man die Angleichung ans andere Geschlecht mit Puderquaste und Lippenstift", heißt es in Morecks' Führer durch das lasterhafte Berlin von 1931. "Man ist etwas verschwenderisch mit Parfüm und kokettiert mit seidener Wäsche in süßen Farben." Das zog Publikum an, auf der Suche nach dem Flair weltstädtischer Verruchtheit stürmten Vergnügungssüchtige die Homosexuellenbars und Transvestitenkneipen. Das berühmte "Eldorado" richtete sich mit seinen schrillen Shows sogar vornehmlich an Heterosexuelle, die einen Ausflug ins frivole Berliner Nachtleben wagten. 

Pionier der Bewegung wurde Magnus Hirschfeld

Unabhängige Frauen mit Bubikopf und zarte Männer mit Belladonna-Blick, künstlerische Avantgarde und Massenkultur – dieses Bild der 1920er ist bis heute weit verbreitet. Dabei war das Leben zwischen Revolution und Machtergreifung für die meisten nicht gerade golden. Auch das Leben von Schwulen und Lesben war keineswegs eine immerwährende Party. 

"Unzucht unter Männern" galt nach Paragraf 175 als Verbrechen und wurde mit Gefängnis bestraft. Angeboren oder durch Verführung, Prostitution und Lasterhaftigkeit erworben, stand Homosexualität in Verdacht den Charakter zu zerrütten und den sittlichen Verfall nicht nur des Mannes, sondern der Gesellschaft zu verursachen. Denn – so die krude Vorstellung – Homosexualität berge die Gefahr sich epidemisch auszubreiten, wenn die Gesellschaft ihr nicht Einhalt gebiete. Sex unter Frauen erfasste das Gesetz übrigens nicht. Lesben galten als Gescheiterte, die keinen Mann abbekommen hatten. 

Die Emanzipationsbewegung hatte ihren Anfang schon im zu Ende gehenden Kaiserreich. Bereits 1897 hatte sich in Berlin das "Wissenschaftlich-humanitäre Komitee" gegründet. Unter der Führung des Aktivisten und Sexualforschers Magnus Hirschfeld engagierte es sich gegen antihomosexuelle Strafgesetze und leistete wichtige Aufklärungsarbeit. Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden in vielen Städten Freundschaftsvereine für Homosexuelle. In Berlin kämpfte der "Bund für Menschenrechte" gegen Diskriminierung und Ausgrenzung und sorgte für kostenlosen Rechtsbeistand, denn die Erpressung Homosexueller hatte sich für so manchen Stricher zu einem lukrativen Nebenerwerb entwickelt.