"Es war ungefähr 11.55 Uhr vormittags, als wir ein schreckliches Beben spürten", schreibt ein Gast des stolzen Imperial Palace Hotels in sein Tagebuch. "Das ganze Gebäude schaukelte und zitterte, die Stühle und Betten rutschten durch den Raum, wir alle hatten Angst. Als das erste Beben vorüber war, liefen wir auf die Straße." Dort konnte der US-amerikanische Besucher seinen Augen nicht trauen. "Die Straßen füllten sich schnell mit ängstlichen Menschen, die Gebäude waren kollabiert oder hatten tiefe Risse. (…) Die Feuer brannten noch den ganzen Tag und die ganze Nacht."

Stück für Stück wurde das Ausmaß der Katastrophe offenbar. Das Beben der Magnitude 7,9 hatte 60 Prozent der Gebäude in Tokio zerstört, insgesamt starben rund 140.000 Menschen. Umliegende Städte, inklusive der geschäftigen Hafenstadt Yokohama, waren ähnlich betroffen. Der ökonomische Schaden belief sich auf ein Drittel der damals jährlichen Wirtschaftsleistung Japans. Das große Kanto-Erdbeben vom 1. September 1923, das Japan heute vor genau 90 Jahren erschütterte, markierte das katastrophalste Beben in der Geschichte des Landes.

Das Erdbeben von Tohoku vor zweieinhalb Jahren, das den Super-GAU am AKW in Fukushima auslöste, hatte zwar mit 9,0 eine größere Magnitude. Aber die Zahl der Todesfälle, gemeinsam mit den Folgen des dadurch ausgelösten Tsunamis, war mit rund 20.000 deutlich niedriger. Auch die Gebäudeschäden fielen vergleichsweise gering aus. Anteilig an Japans Wirtschaftsleistung belief sich der Schaden des Tohoku-Bebens laut dem Ökonomen Tetsuji Okazaki von der Universität Tokio sogar nur auf ein Zehntel des Kanto-Bebens.

Auf den 1. September 1923 folgte auch eine politische, ökonomische und technologische Zäsur. Das zuvor optimistische und lange Zeit boomende Japan, das sich seit tiefgreifenden Reformen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts rasch modernisiert hatte, war auf einen so herben Rückschlag nicht vorbereitet. Die Wiederaufbauarbeiten waren mühselig. Im Volk verbreitete sich ein wachsendes Gefühl des Nationalismus, das sich vor allem gegen die als "rassisch minderwertig" angesehene koreanische Minderheit richtete.

Die Not nährte den Nationalismus

Politisch folgten willkürliche Festnahmen von Koreanern, deren Nation damals bereits durch Japan kolonisiert war. Zivilisten und das Militär mordeten, nachdem sich Gerüchte gehäuft hatten, dass Koreaner Brunnen vergifteten und sich im Chaos bereicherten. Die Schätzungen, wie viele Koreaner diese Tage durch Übergriffe starben, schwanken zwischen Hunderten und Tausenden. Den folgenden Ausruf des Ausnahmezustands sehen viele Beobachter heute als wichtiges Element für die Aggression des Landes im Zweiten Weltkrieg.

Aber zumindest technologisch lernte Japan schnell dazu. Die Erdbebenforschung wurde vorangetrieben, Gebäudestandards verschärft, in der Schule lernten Kinder das Ducken und Evakuieren für den Ernstfall. Überall in Tokio wurden Parks errichtet – auch deshalb, weil sie als gutes Fluchtziel dienen würden. Im Stadtzentrum wurde später ein Erdbebenmuseum eingeweiht.

Heute verfügen praktisch alle Gasleitungen in japanischen Haushalten über Sensoren, die das System bei verdächtigen Bewegungen unter der Erde sofort abschalten. Denn 90 Prozent der Todesfälle waren am 1. September 1923 durch Brände zu erklären – Tokios Holzhäuser, verbunden mit der Uhrzeit des Bebens zu Mittag, als überall gekocht wurde, wären heute ein kleineres Problem.

Angst vor einem ähnlichen Beben

Und doch muss Japan weiter gewappnet sein. Besonders die Region um Tokio. Unter der Kanto-Region, die sich rund um Tokio je 150 Kilometer auf der Nord-Süd- und der Ost-West-Achse ausbreitet, rechnen Seismologen seit Längerem mit dem nächsten großen Erdbeben. Unter dieser Oberfläche treffen die pazifische und die philippinische Platte aufeinander. Schiebt sich eine unter die andere, kommt es zu Erschütterungen. Kleinere Ereignisse dieser Sorte sind in der größten Metropolregion der Welt nichts Besonderes. Experten erwarten für die nächsten Jahre wieder einen größeren Knall.

"Wir schätzen die Wahrscheinlichkeit auf 70 Prozent, dass es binnen 30 Jahren ein Beben der Magnitude 7 geben wird", sagt Naoshi Hirata. Der Professor leitet die Bebenvorhersagen der Universität Tokio und zählt zu den renommiertesten Wissenschaftlern des Gebiets. "Ein Beben dieser Stärke wäre nicht so verheerend wie die Vorgänger von 1923 oder 2011", sagt Hirata. "Aber wenn es sich in der Nähe der Tokioter Innenstadt ereignet, könnten knapp 10.000 Menschen sterben."

An das Ausmaß einer solchen Katastrophe erinnern sich die meisten Japaner noch gut. Im Jahr 1995 starben durch ein Beben der Stärke 7,2 in der Großstadt Kobe mehr als 6.000 Menschen. Allerdings ist die Seismologie keine exakte Wissenschaft, wenn es um Vorhersagen geht. Die Datenlage ist schwach, und das ist schlecht für Prognosen. Vor eineinhalb Jahren, noch kurz nach dem Tohoku-Beben, hatten Hirata und seine Kollegen geschätzt, dass ein schweres Beben mit 70-prozentiger Wahrscheinlichkeit schon vor dem Jahr 2017 kommen würde.

Verlässliche Vorhersagen sind nicht möglich

"Das lag daran, dass wir zu dem Zeitpunkt extrem viele kleinere Beben in der Region gemessen haben. Und wo viele kleine Erschütterungen kommen, ist das Auftreten eines großen Bebens eigentlich sehr wahrscheinlich", sagt Hirata. Solche Korrekturen rufen auch Kritik in Fachkreisen hervor. Der nordamerikanische Seismologe Robert Geller hält etwa alle Prognoseversuche für "fehlerhaft" und fordert von Japans Akademikern, "öffentlich zuzugeben, dass Erdbeben nicht verlässlich vorhergesehen werden können".

Mittlerweile ist das Bebenvorkommen in der Kanto-Region wieder ungefähr auf dem Niveau vor 2011. Seiner aktuellen Schätzung, die jener von vor dem Tohoku-Beben entspricht, könne also getraut werden, sagt Hirata. "Wir können relativ sicher sein, dass es binnen einer Generation ein großes Beben geben wird." Aber auch wo genau es kommen werde, sei nicht auszumachen. Es ist möglich, dass dies nicht im extrem dicht bevölkerten Tokio, sondern in einem ländlicheren Gebiet der Kanto-Region passiert.

 Ob das aber eine beruhigendere Aussicht wäre, ist ungewiss. Nördlich von Tokio, in der Präfektur Ibaraki, steht zum Beispiel ein Atomkraftwerk. Zwar beteuert Tepco, die Betreiberfirma der im März 2011 havarierten Reaktoren in Fukushima, dass die Kernschmelze dort nicht durch das Erdbeben, sondern den folgenden Tsunami ausgelöst wurde. Nur hat das Unternehmen seine Glaubwürdigkeit längst verspielt, nicht zuletzt wegen seines Mangels an Transparenz. "Generell ist wahr,", sagt auch Hirata, dass durch ein Beben in der Nähe wohl Gefahren auch für Reaktoren entstehen könnten.

Allerdings ist eine Erschütterung der Stärke 7 nicht annähernd so stark wie eines der Magnitude 8, das 30 Mal mehr Energie aufbaut. Und ein Beben der Stärke 8 oder sogar 9 erwarten auch die pessimistischeren Wissenschaftler nicht für die nächste Zeit. Doch auch dies ist mit Vorsicht zu genießen, denn die Mehrheit der Seismologen lag schon einmal falsch. Das Tohoku-Beben vom 11. März 2011 hatte kaum jemand für möglich gehalten.