"Ich schreibe Dir am Morgen einer Schlacht, wie sie in der Weltgeschichte kaum gefochten ist", schrieb der preußische Generalstabschef August Neidhardt von Gneisenau in einem Brief an seine Frau. "Wir haben den französischen Kaiser ganz umstellt. Diese Schlacht wird über das Schicksal Europas entscheiden." Ursprünglich hatte Napoleon Berlin erobern wollen, doch nach einer Niederlage seiner Truppen bei Großbeeren war der Plan gescheitert. Drei alliierte Heere kreisten die Franzosen in Sachsen ein, der Weg heraus nach Westen führte über den Knotenpunkt Leipzig.

Für die Franzosen war die Handelsstadt Leipzig ein ideales militärisches Terrain. Ohne Tross waren sie darauf angewiesen, Lebensmittel aus ihrer Umgebung zu requirieren. Für die Zivilbevölkerung blieb kaum Nahrung übrig. "Schon ward jeder Brotwagen, der vom Land hereinkam, mit mehr als 50 Bedürftigen verfolgt, die das Brot gern mit Geld aufwogen", heißt es in einer Quelle. Die Stadt war von Napoleons Soldaten zur Festung ausgebaut worden, im Lauf der Kämpfe verwandelte sie sich in – so Platthaus – "das größte Lazarett der Welt". Der Gestank war bestialisch, auf dem Marktplatz mussten Passanten durch Blutlachen waten, und vor Auerbachs Hof wurden in einer Holzhütte Amputationen durchgeführt.

Die 40.000 Einwohner hatten Napoleon noch 1807 auf einem Triumphbogen als "Wiederbringer des Glücks" bejubelt. Nun hofften die meisten von ihnen, obwohl Sachsen noch immer mit dem Korsen verbündet war, auf seine Niederlage. Die Schlacht begann auf dem Land um Leipzig, neugierig beobachtet von den Leipzigern aus den hochgelegenen Fenstern und Dachgeschossen ihrer Häuser. Um Dörfer wie Liebertwolkwitz und Möckern tobten blutige Kämpfe, mehrfach wechselten sie den Besitz. An den Sieg der Preußen bei Möckern erinnert bis heute die Möckernbrücke in Berlin.

Erstmals wurden Raketen abgeschossen

Die Engländer beteiligten sich nur mit einer einzigen Einheit an der Schlacht. Aber dabei handelte es sich um eine Brigade von Rocketeers, die erstmals Raketen zum Einsatz brachte. Die Raketen, horizontal in Richtung Feind abgeschossen, erreichten Geschwindigkeiten von bis zu 260 Kilometern pro Stunde. Ein Augenzeuge: "Mit entsetzlichem Zischen und Toben fahren sie in die dichten Vierecke der Franzosen und sprengen die lichterloh brennenden Männer auseinander."

Am dritten Tag der Schlacht, dem 18. Oktober, erreichen die Kämpfe die Stadt. Die Alliierten beschießen Leipzig mit ihren Kanonen. "Alles lief und rannte, um sich in ein offenes Haus zu retten, aber die meisten waren verschlossen", erinnerte sich der Student Christian Gottlieb Schneider später in einem Brief. "Ein Stück von einer Granate schlug 2 Stock hoch in das Fenster des Advokaten Römisch, zerschmetterte dem 3-jährigen Kinde den Arm." Dass die Franzosen die Schlacht verloren haben, wird offenbar, als 3.000 sächsische Soldaten, angeführt von ihren Offizieren, zum alliierten Feind überlaufen. "Nirgends weist die Geschichte einen ähnlich schändlichen Verrat auf", empörte sich der französische Marschall Macdonald, der in den Sachsen einen Sündenbock für das eigene Versagen gefunden hatte.

Napoleon entkam mit den Resten seiner Grande Armée nach Frankreich. Im April 1814 wurde er als Kaiser abgesetzt und verschwand zunächst nach Elba. Die Allianz seiner Gegner zerfiel. Und die Hoffnungen, dass die Befreiungskriege Deutschland die nationale Einheit und bürgerliche Freiheiten bringen würden? Die waren nach dem Wiener Kongress erst einmal perdu.

Erschienen im Tagesspiegel