Die See war en vogue Anfang des 20. Jahrhunderts. Badegäste wateten in Ganzkörperanzügen in die Fluten. Ganz Deutschland strebte nach einem Platz an der Sonne, seit der Kaiser das als kolonialen Anspruch formuliert hatte und seine Flotte aufrüstete. Noch im tiefsten Binnenland trugen Kinder Matrosenanzüge. Nur schwimmen konnte fast niemand. Und so ertranken pro Jahr rund 5.000 Männer, Frauen und Kinder.

Schon im 19. Jahrhundert klagte Johann Christoph Friedrich GutsMuths, einer der Urväter der Turnerbewegung: "Bisher ist das Ertrinken Mode gewesen, weil das Schwimmen nicht Mode ist." Daran änderte auch sein Kleines Lehrbuch der Schwimmkunst im Selbstunterrichte wenig: Als zu Zeiten von Kaiser Wilhelm II. die Seebäder blühten, konnten allen Bemühungen des 1886 gegründeten Deutschen Schwimmverbandes zum Trotz gerade mal zwei bis drei Prozent der Bevölkerung schwimmen. Es musste erst zu einem größeren Unglück kommen, bis sich etwas änderte.

Am Abend des 28. Juli 1912 flanieren Hunderte Badegäste über die Seebrücke in Binz auf der Ostseeinsel Rügen. Sie beobachten das rege Treiben der Ausflugsdampfer oder warten auf ihr Schiff. Als gegen 19 Uhr der Dampfer Kronprinz Wilhelm anlegt, stürzt unter der Last der Menschenmassen plötzlich ein Teil der Brücke ein. Rund 80 Menschen fallen ins Wasser, kaum jemand kann schwimmen.

Berichterstattung über Ertrunkene gab es jeden Tag
Martin Janssen, DLRG-Sprecher

"Hunderte Badegäste auf der Seebrücke und am Ufer sahen das Unglück mit an, konnten die Menschen aber nicht retten", sagt Martin Janssen, Sprecher der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG). 14 Badegäste ertranken in Sichtweite des Ufers, zwei weitere starben später an ihren Verletzungen. Unter den Opfern waren auch zwei Kinder.

"Berichterstattung über Ertrunkene gab es jeden Tag", sagt Janssen, "aber Binz hat eine höhere Aufmerksamkeit ausgelöst." Und damit den Boden bereitet für den Aufruf zur Gründung der DLRG, den der Deutsche Schwimmer, die Zeitschrift des Schwimmverbandes, ein knappes Jahr später veröffentlichte. Heute ist die Gesellschaft der größte Dienstleister für den Wasserrettungsdienst.

Schnelle Hilfe rettet Leben

Schon die Gründungsversammlung der DLRG am 19. Oktober 1913 stand unter einem festlichen Stern: Man tagte im edlen Leipziger Hotel de Prusse. Kaiser Wilhelm II. und König Friedrich August III. von Sachsen hatten am Vortag das Völkerschlachtdenkmal eingeweiht, russische, schwedische und fast alle deutschen Fürsten waren in der Stadt. Ein gutes Omen? Am Jahresende hatte die Organisation jedenfalls 435 Mitglieder.

Als Vereinszweck stand in der Satzung "die Verbreitung sachgemäßer Kenntnisse und Fertigkeiten in Rettung und Wiederbelebung Ertrinkender". Letzteres hatte mit Mund-zu-Mund-Beatmung und Herz-Lungen-Massage noch wenig zu tun. Die Kursleiter empfahlen, den aus dem Wasser Gezogenen die Arme abwechselnd nach hinten über den Kopf zu legen und vor der Brust zusammenzuführen.

Die DLRG-Rettungsschwimmer, die heute im Strandbad arbeiten, gibt es seit 1922. Damals wurde die Einrichtung von Schwimmrettungswachdiensten als Satzungszweck hinzugefügt. Die Helfer sind stets so nah wie möglich am Wasser. "Wenn ein Mensch zu ertrinken droht, hat man nur wenige Minuten Zeit, ihn ins Leben zurückzuholen, weil Sauerstoffmangel sehr schnell zu bleibenden Schäden oder zum Tod führt", erläutert DLRG-Sprecher Janssen.