Der Astronom Johannes Kepler auf einem Porträt von 1610

Kurz vor seiner Hochzeit am 30. Oktober 1613 verschickt der kaiserliche Hofmathematiker und Astronom Johannes Kepler eine außergewöhnliche Einladung. Darin schildert der Entdecker der heute berühmten Planetengesetze einem nicht näher bekannten Baron, wie er in den beiden zurückliegenden Jahren nicht weniger als elf Anläufe genommen hat, eine passende Partnerin zu finden. Der Wissenschaftler, "dessen Mannesalter den Gipfel überschritten hat und bereits zur Neige geht, dessen Affekte sich beruhigt haben, dessen Körper von Natur saftlos und weich ist", wie der 41-Jährige von sich selbst sagt, möchte noch einmal heiraten.

Kepler hat eine "in jeder Hinsicht traurige und unheilvolle" Zeit hinter sich. Er hat seine erste Frau verloren, einen Sohn und seinen Posten in der Residenzstadt Prag, wo Kaiser Rudolf II. entmachtet wurde. An eine Fortsetzung seiner wissenschaftlichen Arbeit ist vorerst nicht zu denken. Zur selben Zeit, als Galileo Galilei in Florenz und Rom ins Rampenlicht der internationalen Forschung tritt, findet sich Kepler an einem Nebenschauplatz wieder: als Lehrer an einer kleinen evangelischen Schule in Linz.

Hier, in der oberösterreichischen Provinz, wird er weitgehend auf sich alleine gestellt sein. Zahlreiche Verbindungen zu Gelehrten und Mäzenen, die er in Prag aufgebaut hat, sind gekappt. Doch nachdem er seine beiden Kinder Susanna und Ludwig in die Obhut einer Bekannten gegeben hat, fasst der Astronom Mut für einen Neuanfang. Kepler sucht eine Frau.

Die Erste, die er ins Auge fasst, ist eine Witwe, die ihm seine frühere Frau noch vor ihrem Tod "nicht undeutlich empfohlen" hat. Doch ist er letztlich froh, dass nichts daraus wird. Die mehrfache Mutter lebt in verwickelten finanziellen Verhältnissen und entscheidet sich nach Beratung mit ihrem Schwiegersohn gegen die Verbindung. "Um die Wahrheit zu gestehen: Ich betrieb etwas Unpassendes, weil nämlich das Mitleid gegen die zu Heiratende ein Akt der Pietät gegen die Verstorbene war, an sich etwas Gutes, aber Unpassendes, weil, wer eine Frau sucht, anderes tun muss."

Die zurücktretende Mutter brachte sofort ihre älteste Tochter ins Spiel, schreibt Kepler. "Die Abscheulichkeit des Plans traf mich zutiefst. Und doch fing ich an, die Partie zu erforschen. Während ich inzwischen mein Sinnen von den Witwen zu den Jungfrauen lenkte,… nahmen mich der Anblick und die gefälligen Züge der Anwesenden gefangen." Seinem Auge entging jedoch nicht, dass die Jungfrau, mehr als es ihren Verhältnissen entsprach, unter Genüssen aufgewachsen war. Außerdem wollte die Mutter ein etwas höheres Alter der Tochter abwarten. So zerschlug sich auch dieser Plan.

Die Fünfte wird seine Frau

Die Dritte hatte ihre Treue bereits einem anderen versprochen, der sich zwar als Hurenbock herausstellte, aber die Sache geriet dadurch zu einem für Kepler nicht gerade angenehmen Spottspiel.

Die Vierte ist zugleich die erste Linzerin. Und obwohl man ihm "wegen ihrer Mittellosigkeit abriet, obgleich auch andere wegen ihrer Größe und ihrer athletischen Gestalt abrieten, hing ich doch an diesem Plan fest und hätte ihn vielleicht zu früh zum Abschluss gebracht, wenn nicht Liebe und Vernunft mir inzwischen mit vereinten Kräften die Fünfte aufgedrängt hätten, die, als sie zum Vergleich mit der Vierten kam, in ungewissem Wettstreit besonders an Ansehen der Familie und Würde des Gesichtsausdrucks, aber auch wegen einiger Mittel und der Mitgift unterlag, aber besonders durch Liebe und durch mein Zutrauen zu ihrer Demut, Schlichtheit, Emsigkeit und Liebe zu den Stiefkindern siegte. An ihr gefiel mir, dass sie Waise und alleinstehend war, was ich bei einer anderen abgelehnt hätte, denn ihre Armut zog keine Furcht vor bedürftigen Verwandten nach sich."

Die Fünfte, Susanna Reuttinger, wird schließlich seine Frau. Doch als er kurz vor der Eheschließung den hier zitierten Brief schreibt, fragt er sich immer noch, "warum, da sie mir doch bestimmt war, Gott es zugelassen hat, dass sie im Verlauf eines Jahres sechs Rivalinnen erdulden musste".