Es ist ein kühler Herbstabend in Concrete, einem Städtchen im US-Bundesstaat Washington. Gemütlich versammelt sich eine Familie in ihrem Wohnzimmer. Draußen leuchtet eine Kürbislaterne, es ist der Abend vor Halloween 1938. Im Radio läuft The Chase and Sanborn Hour, eine beliebte Comedy-Sendung. Nach gut zehn Minuten legen Bauchredner Edgar Bergen und seine Puppe Charlie McCarthy eine Werbepause ein. Papa dreht am Senderknopf, mal hören, was es sonst so gibt. Er bleibt bei Tanzmusik hängen: Ramón Raquello und sein Orchester, live aus dem Hotel Park Plaza in New York.

Doch die Musik wird unterbrochen: wichtige Nachrichten. Ein Astronom meldet Gasexplosionen auf dem Mars. Kurz darauf sagt ein Sprecher durch, dass in der Nähe von Grovers Mill, New Jersey, ein "riesiges flammendes Objekt" auf eine Farm gestürzt sei. Bald schaltet der Sender CBS zu einem Reporter vor Ort: "Großer Gott – etwas kriecht aus dem Schatten wie eine graue Schlange. Das sieht wie Tentakel aus. Der Körper ist groß wie ein Bär und glänzt wie nasses Leder. Aber das Gesicht – es – es ist unbeschreiblich."

Aliens überrennen mit Giftgas und Lichtblitzen den Norden der USA? Der Familienvater in Concrete will die Polizei anrufen. Doch just in diesem Moment fällt der Strom aus. Der Ort liegt im Dunkeln, die Telefonleitungen sind tot. Ein Lichtblitz strahlt über einer nahen Zementfabrik auf. Panik bricht aus. Menschen stürzen in ihre Autos und rasen davon.

Der Radiobericht ist in Wirklichkeit ein aufwendig produziertes Hörspiel, in dem der gerade mal 23-jährige Schriftsteller, Regisseur und Schauspieler Orson Welles den Roman War of the Worlds von H. G. Wells verarbeitet hat. Am Anfang der Sendung wird das deutlich gesagt – doch dann kommen ein gewöhnlicher Wetterbericht und die Tanzmusik von "Ramón Raquello". Wer später in die Sendung gerät, weiß nicht, wie ihm geschieht.

Wer die Werbung meidet, findet sich im Ausnahmezustand wieder

Die fiktive Alien-Invasion ist bewusst angelegt, um die Zuhörer zu verwirren. So kennt Welles offenbar den Ablauf der beliebten Comedy-Show des Konkurrenzsenders NBC und baut sein eigenes Hörspiel so, dass CBS den ersten "Report" über die landenden Marsianer just in der Werbepause des Blockbusters der NBC sendet. Wer die Werbung umgeht, findet sich plötzlich im Ausnahmezustand wieder. Hinweise darauf, dass die Ereignisse erfunden sind, werden erst nach 40 und 55 Minuten wiederholt. Zudem läuft das Hörspiel in der Reihe Mercury Theatre on the Air, einem Kulturprogramm ohne Werbepausen, was den Eindruck realer Nachrichten verstärkt. Science-Fiction wird Wirklichkeit in den Köpfen der Zuhörer.

Auch weil Welles' Invasionsfantasie auf fruchtbaren Boden fällt. Ende der dreißiger Jahre liegt Krieg in der Luft, die diffuse Angst der US-Amerikaner vor einem Angriff wächst. Eben erst ist die deutsche Wehrmacht in das tschechoslowakische Sudetenland einmarschiert, Briten und Franzosen haben das im Münchener Abkommen zugelassen. In China töten japanische Soldaten Zivilisten.

Schon H. G. Wells' Roman hat 1898 die aktuelle politische Lage aufgenommen und als Satire auf die Kolonialpolitik des britischen Empire die Eroberer in die Rolle der Unterdrückten versetzt. Dass nun Welles die reale Kriegsgefahr für seinen Halloween-Scherz nutzt, seine "Radio-Version von Sich-in-Bettlaken-hüllen, aus dem Busch springen und 'Boo!' rufen", wie er am Ende der Sendung sagt, löste in den USA hinterher jedoch große Empörung aus.

Das Medium hatte er dabei gut gewählt. Es war kein Zufall, dass ausgerechnet das Radio die Invasionsfurcht vieler Amerikaner ausbrechen ließ. Im Rundfunk berichteten Journalisten in schrillen Newsschnipseln und atemlosen Kommentaren von den Münchener Verhandlungen über das Sudetenland. Und hier hörten die Amerikaner die Parteitagsreden Adolf Hitlers, beängstigende Botschaften von einem fernen Kontinent. Bis zum Angriff aus dem All war es da nur noch ein kleiner Schritt.