ZEIT ONLINE: Als kommerzieller Paläontologe suchen Sie Dinosaurier-Fossilien, um sie zu verkaufen. Jetzt ist Misty, das Skelett eines Diplodocus, in England für 400.000 Pfund weggegangen. Warum lässt sich mit Knochenresten so viel Geld verdienen?

Raimund Albersdörfer: Misty ist immerhin ein gut erhaltenes Skelett eines Langhalsdinosauriers. Bis zu 40 Prozent der Knochenmasse haben die vergangenen 150 Millionen Jahre überdauert.

ZEIT ONLINE: Das Skelett stammt von einem Dinosaurier im Teenager-Alter und ist quer über den Globus gewandert, von der Ausgrabungsstätte in Wyoming in ein Labor nach Holland und anschließend nach Sussex zur Auktion. Wie haben Sie den 17-Meter-langen Langhalsdinosaurier transportiert?

Albersdörfer: Solch große Stücke verschicken wir per Seefracht. Dafür kaufen wir Container, schweißen darin eine Konstruktion, damit die einzelnen Elemente nicht verrutschen können, und kleiden alles mit Styropor aus. Die Knochen selbst liegen mit einem Schaum gesichert in geschlossenen Holzkisten. Da muss alles sitzen.

ZEIT ONLINE: Sie sind studierter Paläontologe und haben heute eine Fossilien-Firma in den USA. Wie kam das?

Albersdörfer: Als Student habe ich angefangen, Fossilien zu verkaufen, um mir Geld dazuzuverdienen. Schnell habe ich erkannt, dass ich als Paläontologe mit unfassbar interessanten Fundstücken in Kontakt komme, kontrollieren kann, wie sie beschrieben werden, wer sie kauft und wo sie hingehen. Als ein Museum mich bat, eine Ausstellung einzurichten, habe ich erstmals Fossilien in den USA gekauft. Da habe ich Feuer gefangen an der Dinojagd. Ich wollte unbedingt eine eigene Grabungsstätte haben und bin in South Dakota zunächst mal in der Kreidezeit gelandet. Seit zehn Jahren arbeite ich auf einer Ranch in Wyoming. Dort haben meine Söhne Misty gefunden. Parallel kümmere ich mich um eine Grabung in Deutschland, in der Nähe von Regensburg.

ZEIT ONLINE: Sie haben in Wyoming schon einiges aus dem Boden geholt. Was macht die Grabungsstätte besonders?

Albersdörfer: Die Ranch ist eine riesige Schatzkiste. Zu Zeiten der Dinos war das Land dort von vielen Flüssen durchzogen. Es gab tiefe Wasserlöcher, an denen die Tiere getrunken haben. Mit der Trockenheit sank der Wasserspiegel, die Löcher wurden zu einer natürlichen Falle. Wer hineinging, kam nicht mehr hinaus. Für uns ist das ein Glücksfall: Aasfresser kamen nicht an die verendeten Tiere heran, ihre Knochen liegen noch heute dicht nebeneinander. Wenn sie dort graben, wissen Sie bei keinem Hammerschlag, was in der nächsten Sekunde vor Ihnen liegt. Sie gehen mit dem Spaten in das weiche Gestein, hören das vertraute "Klick!" und wissen: Da liegt wieder ein Knochen.

ZEIT ONLINE: Wollen Sie da nicht vor lauter Aufregung schneller graben?

Albersdörfer: Ich brauche jedes Mal wieder große Selbstdisziplin. Aber wir Paläontologen müssen Stück für Stück vorgehen, sonst zerstören wir Knochenoberflächen und -ränder oder machen einen Zahn kaputt.

ZEIT ONLINE: Gleichzeitig stehen Sie unter großem Zeitdruck. Sie wollen ihre Fundstücke schließlich verkaufen. Spricht das nicht gegen die kommerzielle Paläontologie?

Einen großen Raubdinozahn bekommen Sie ab 500 Euro.
Raimund Albersdörfer, Paläontologe

Albersdörfer: Ganz im Gegenteil. Für den Käufer ist es wichtig, ein gut dokumentiertes und möglichst unbeschadetes Objekt zu bekommen. Arbeite ich zu unsauber, will es niemand haben.

ZEIT ONLINE: Wie sieht Ihr Arbeitstag aus?

Albersdörfer: Ich verbringe viel Zeit auf dem Bauch, mit dem Pinsel in der einen und dem Spachtel in der anderen Hand. Das ist harte körperliche Arbeit, und man muss wahnsinnig aufmerksam sein. Am Abend acht Bier trinken und am nächsten Morgen mit verquollenen Augen in den Steinbruch gehen, das funktioniert nicht. Nach der Entdeckung eines vollständigen Skeletts dauert es mehrere Wochen, die Knochen freizulegen. Zunächst bleiben sie im Boden, wo wir sie kartieren und vermessen.

ZEIT ONLINE: Wie werden die Knochen geborgen?

Albersdörfer: Einfach ausbuddeln geht nicht. Die Jahrmillionen haben die Knochen porös gemacht. Mit Chemikalien, einer Art dünnem Sekundenkleber, müssen wir sie stabilisieren. Anschließend wird das Fossil in Gips gegossen und das getrocknete Paket aus dem Boden gehoben. Dann wird es zur Präparation ins Labor meines Vertrauens geschickt.

ZEIT ONLINE: Achten Sie darauf, dass die Knochen eines versteinerten Tiers zusammen bleiben?

Albersdörfer: Ja. Skelette, die eine gewisse Vollständigkeit aufweisen, gibt’s nur komplett. Es wäre unmoralisch, ein Fossil aus wirtschaftlichen Gründen zu zerreißen. Aber wir finden auch isolierte Zähne, die verkaufe ich so. Einen großen Raubdinozahn bekommen Sie für Preise zwischen 500 und ein paar Tausend Euro.