Die zwei Leben des John F. Kennedy – Seite 1

Auf der berühmten Halbinsel Cape Cod, eine gute Autostunde von Boston entfernt, liegt das Fischerdorf Hyannis. Einheimische wie Urlauber schätzen den malerischen Hafen, die windgepeitschten Strände und am Wasser gelegenen Fischlokale. Schon im 19. Jahrhundert diente das knapp 20.000 Einwohner zählende Städtchen den Reichen und Mächtigen von Boston, Bankern, Unternehmern und Politikern, als Rückzugsort. Seit 85 Jahren hat Hyannis einen festen Platz in der amerikanischen Geschichte, es ist der Ort der Kennedys.

1928 kaufte Joseph Kennedy für sich, Ehefrau Rose und die acht gemeinsamen Kinder ein Ferienhaus am Hafen, auch als Hyannis Port bekannt. "Seither ist es diese einmalige Familie, die unsere Stadt definiert" sagt John Allen, der Direktor des John F. Kennedy Museums, das im früheren Rathaus untergebracht ist, einem mittelgroßen Altbau im amerikanischen Kolonialstil. Seit Jahrzehnten verbringt der Klan den Sommer auf ihrem vier Häuser umfassenden Anwesen, das sich über zweieinhalb Hektar erstreckt. Manche Familienmitglieder bleiben auch das ganze Jahr auf Hyannis. Ted, der jüngste Sohn des Patriarchen "Joe", weilte bis zu seinem Tod 2009 auf dem Feriensitz.

Am 8. November 1960 hatte sich die Familie vor dem Fernseher versammelt, erleichtert endete der Abend nach der Wahl des Präsidenten. John Fitzgerald Kennedy siegte knapp vor seinem republikanischen Herausforderer Richard Nixon. Die Freude war groß. Auf Hyannis Port schrieb Kennedy auch jene Inaugurationsrede, in der er mit den legendären Worten "Fragt nicht, was Euer Land für Euch tun kann, fragt, was Ihr für Euer Land tun könnt" seine Landsleute am 20. Januar 1961 auf Bürgersinn und zivile Verantwortung einschwor. Später empfing der noch junge Präsident auf dem Anwesen in Hyannis Port Staatsmänner und beriet mit seinem Sicherheitsstab über die Invasion der Schweinebucht, die anschließende kubanische Raketenkrise und die Konflikte um die Rassentrennung in den USA.

Kurz vor seiner Wahl zum Präsidenten 1960 lässt sich John F. Kennedy im Kreis seiner Familie fotografieren.

Der "Kennedy Compound", wie der weitläufige Wohnsitz genannt wird, hat aber auch seine Schattenseiten. Dort soll nämlich der Frauenheld JFK die gelegentliche Abwesenheit von First Lady Jackie genutzt haben, um sich mit Marilyn Monroe und anderen Hollywoodstars in die Ferienvilla zurückzuziehen. Zudem behaupten einige Biografen, dass der Präsident, über dessen mögliche Beziehungen zum organisierten Verbrechen seit Jahrzehnten Gerüchte im Umlauf sind, Mafiabosse nach Hyannis einfliegen ließ. Es gibt Historiker, die überzeugt sind, dass JFK mit den Gangstern zwielichtige Deals abschloss. Sie meinen, der Präsident habe Wahlen manipulieren lassen und als Gegenleistung der Mafia versprochen, seinen Einfluss zu nutzen, um Mafiosi in hohe Gewerkschaftspositionen zu schleusen.

Schwere Krankheiten und die Frauengeschichten

Stationen aus Kennedys Karriere in Fotos. Klicken Sie auf das Bild, um die Aufnahmen zu sehen. © dpa

Dies beschreibt etwa der Bestsellerautor Martin Sandler. Für sein neues Buch Die Briefe des John F. Kennedy hat der Historiker und gute Bekannte der Familie, mehr als 300.000 private und dienstliche Briefe ausgewertet, die JFK während seines Lebens geschrieben oder empfangen hat. "Ich habe mir schon oft die Frage gestellt, ob er wirklich als Held anzusehen ist", sagt der 80-Jährige, der sich in Hyannis niedergelassen hat. Sorgfältig habe er dies abgewogen. "Kennedy war nicht nur ein amerikanischer Held, er war nach Abraham Lincoln wohl der zweitgrößte Präsident in der amerikanischen Geschichte."

Dabei weiß Sandler sehr wohl um die Schwächen und moralischen Unzulänglichkeiten des 35. US-Präsidenten. "Er hatte eine wunderschöne Frau, doch Jack (wie ihn Familie und Freunde nannten) hat dreist und fast arrogant alles vernascht, was ihm über den Weg lief. Affären gab es in Hülle und Fülle, auch mit Prostituierten, die er ins Weiße Haus einschleusen ließ", erzählt der Schriftsteller. Unter Kennedys Frauen war auch die deutsche Ellen Rometsch, die von FBI und CIA der Spionage verdächtigt wurde.

Die Öffentlichkeit erfuhr kaum etwas davon, ebenso wenig von einer anderen Seite des Präsidenten. "Sein ganzes Leben, gerade als Erwachsener, litt Kennedy ununterbrochen an unsäglichen Schmerzen." Vor allem am Rücken, wo schon in jungem Alter eine akute Osteoporose eingesetzt hatte. Sie war direkte Folge intensiver Kortisonbehandlungen aufgrund der Addison-Krankheit, die Kennedys Nebenniere befallen hatte. Manche Biografen behaupten gar seine Leiden hingen mit seiner Sexsucht zusammen. Sie meinen, dass die Mixtur aus starken Medikamenten die Virilität des Präsidenten deutlich erhöhte und er deswegen fast keiner Frau widerstehen konnte.

Ein Präsident wie aus Camelot

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Hätte Kennedy dreißig Jahre später gelebt, darüber sind sich Historiker weitgehend einig, würde Amerika über JFKs moralische Unzulänglichkeiten deutlich schärfer urteilen, spätestens nach der öffentlich gewordenen Affäre des späteren Präsidenten Bill Clinton mit Monica Lewinsky. "In der Wahrnehmung der Öffentlichkeit sind die Bilder und die Legende aber eingefroren wie ein Schnappschuss, der Menschen in aller Welt ins Gedächtnis gemeißelt ist", sagt John Allen, der Direktor des John F. Kennedy Museum in Hyannis . "Bei wahrhaftig historischen Gestalten stellt man sich die Frage, ob die Person ihre Zeit definiert hat, oder ob sie selbst ein Produkt jener Ära waren, in der sie lebten", sagt Sandler. "Auf Jack Kennedy traf beides zu."

Seine politischen Erfolge stünden außer Frage. Kaum ein anderer US-Präsident habe mit einer vergleichbar komplexen Vielzahl an politischen Herausforderungen fertig werden müssen: der Höhepunkt des Kalten Kriegs und der Rüstungswettlauf mit der damaligen Sowjetunion. In der Kubakrise, an jenen 13 Tagen im Oktober 1962, zwang Kennedy seinen größten Widersacher Nikita Chrustschow schließlich in die Knie. Damit habe er nicht nur das eigene politische Vermächtnis gerettet, sondern Amerika womöglich vor einem Atomkrieg bewahrt.

Die Bilder bleiben

Auch rechnen Kennedy-Kenner wie Allen und Sandler dem Präsidenten sein Engagement für die Gleichbehandlung schwarzer und weißer Amerikaner an. Das gipfelte in dem von Kennedy vorangetriebenen historischen Bürgerrechtsgesetz, das allerdings erst nach seinem Tod verabschiedet wurde. Als weitere Höhepunkte werten Geschichtsforscher die Gründung des Friedenskorps, die Rede anlässlich seiner Amtseinführung und Kennedys legendären Auftritt vor dem Rathaus Schöneberg, wo er mit den Worten "Ich bin ein Berliner" seine Solidarität mit dem gespaltenen Deutschland bekundete. "Das wirklich Bewundernswerte ist, dass der Mann diese Herausforderungen alle gemeistert hat, obwohl er weniger als drei Jahre im Amt war", sagt Sandler.

John F. Kennedy an Bord der "Honey Fitz" vor Hyannis Port im August 1963 © dpa

Nicht nur seine Politik lässt Kennedy zur Legende werden. "Es ist eben auch alles rund um Camelot", sagt Jennifer, die in der Four Seasons Eisdiele in Hyannis arbeitet, wo Jack sich mit seinen Kindern im Sommer blicken ließ. Sie spricht von der Sage um den Hof von König Arthus, mit dem Kennedys Präsidentschaft oft verglichen wird. Das Weiße Haus war unter den Kennedys, dank Jackie, ein Ort für Kunst, Wissenschaft und gesellschaftliche Ereignisse. Das junge Paar machte Hoffnung auf bessere Zeiten. "Jack sah aus wie ein Hollywoodstar, kam aus einer reichen Familie, entschied sich für das schwierigste Amt der Welt und blieb trotzdem ein Präsident zum Anfassen", sagt Jennifer. "Ich lebte damals noch nicht, doch die Bilder und die Geschichten kenne ich gut."

Genau, wie Museumsdirektor John Allen es beschrieb: Es sind vor allem diese Bilder aus seinem Leben, die nach dem Attentat am 22. November 1963 blieben. "Von Kennedy habe ich gelernt, dass man Schwächen haben aber trotzdem ein großartiger Mensch sein kann, der nicht nur für sich lebt, sondern um dem Gemeinwohl zu dienen." War JFK auch für ihn ein Held? "Das mag etwas zu viel des Lobes sein", sagt John Allen. Eines aber sei sicher: "Einen wie Kennedy haben wir nicht wieder erlebt."