Einige Berater hätten dem Präsidenten den Trip am liebsten ausgeredet. Das konservative, krass neureiche Texas zeigte sich John F. Kennedy alles andere als wohlgesinnt. Im Wahlkampf 1960 waren der Vizepräsidentschaftskandidat Lyndon B. Johnson und seine Frau von einem kreischenden Mob bedrängt und bespuckt worden. Ein Jahr darauf hatte der Verleger der Dallas Morning News gehöhnt, das Land brauche einen Mann hoch zu Ross, Kennedy jedoch reite auf dem Dreirad seiner kleinen Tochter Caroline. Und vor vier Wochen erst, am Tag der Vereinten Nationen, war der amerikanische UN-Botschafter Adlai Stevenson in Dallas tätlich angegriffen worden. Auf Flugblättern wurde Kennedy des Hochverrats geziehen. "Nigger lover" oder "Kommunistenfreund" gehörten wohl noch zu den mildesten Schimpfworten, mit denen sie den Mann im Weißen Haus belegten.

Dallas war nicht nur eine bis zur Hysterie extremistische Stadt, es war auch eine gewalttätige Stadt. Bis zum 1. November hatte es im Jahre 1963 schon 98 Morde gegeben. Es hätte freilich nicht dem Charakter John F. Kennedys entsprochen, der Gefahr aus dem Wege zu gehen. Im Krieg war er dem Tod nur knapp entronnen. Er hatte keine Angst vor ihm.

Auf Personenschutz gab Kennedy nicht allzu viel. Absolute Sicherheit gebe es doch nicht, sagte er, ein entschlossener Attentäter würde immer einen Weg finden, den Präsidenten umzubringen. Drei seiner Vorgänger hatte dieses Schicksal ja auch schon ereilt: Abraham Lincoln 1865, James Garfield 1881, William McKinley 1901. In dieser Hinsicht war Kennedy Fatalist. Attentate betrachtete er als ein Risiko, das der Demokratie innewohnt.

Mit seiner Frau Jackie ist er am 21. November getrost nach Texas geflogen. San Antonio empfängt ihn mit Begeisterung, selbst in Houston wird er freundlich begrüßt, auch in Fort Worth. Für Freitag steht Dallas auf dem Programm; abends soll die Reise mit einem rauschenden Empfang im Gouverneurspalast zu Austin ausklingen.

Stationen aus Kennedys Karriere in Fotos. Klicken Sie auf das Bild, um die Aufnahmen zu sehen. © dpa

Plagen den 46-Jährigen Vorahnungen? Beim Frühstück in Fort Worth liest er in den Dallas Morning News eine von einem schwarzen Trauerrand eingerahmte Anzeige der "amerikanisch denkenden Bürger von Dallas". Warum habe er die Monroe-Doktrin zugunsten des "Geistes von Moskau" aufgegeben? Weshalb lasse er Kommunisten und Linksextremisten mit Samthandschuhen anfassen, loyale Amerikaner jedoch verfolgen? Kennedy ärgern die Anwürfe. "We are headed into nut country now", sagt er zu seiner Frau – "jetzt geht’s ins Land der Spinner". Aber an ebendiesem Morgen spricht er auch davon, dass es nicht allzu schwierig sei, einen Präsidenten zu töten. Gegen einen Scharfschützen mit Zielfernrohr, der sich auf einem Hochhaus postiere, könne niemand etwas machen.

Ein netter Empfang für das Präsidentenpaar

"Ganz schön riskant", scherzt der Kongressabgeordnete Gonzales, als die Kennedys auf dem Flughafen Love Field in Dallas landen. "Ich habe meine schusssichere Weste noch nicht angelegt." Um 11.50 Uhr Ortszeit setzt sich die Wagenkolonne mit dem Präsidenten in Richtung Innenstadt in Bewegung. Kennedy und seine Frau sitzen hinten im zweiten Wagen, einer offenen Stretchlimousine; vor ihnen John Connally, der Gouverneur von Texas, und dessen Frau Nelly.

Je mehr sich die Kolonne der Stadtmitte nähert, desto dichter wird die Menschenmenge, umso wärmer auch der Beifall. Der Präsident winkt den Leuten fröhlich zu, Jacqueline stolz an seiner Seite. Als die Kolonne von der Main Street in die Elm Street einbiegt, wendet sich Nelly Connally nach hinten zu dem Präsidentenehepaar und sagt: "Sie können jedenfalls nicht behaupten, dass die Leute in Dallas Ihnen keinen netten Empfang bereitet haben."

Im sonnigen Dallas ist es 12.30 Uhr. Die Wagenkolonne des Präsidenten biegt von der Elm Street nach links in die Houston Street ein, vorbei an dem hässlichen Backsteinkasten des Texas School Book Depository, einem Lagerhaus für Lehrmaterial. Weiter voraus geht es durch eine Unterführung zum Freeway. Nelly Connally sagt zu Jacqueline Kennedy: "Bald haben wir’s geschafft. Es ist gleich da vorn."

In diesem Augenblick hören die Journalisten im Pressebus kurz hintereinander drei befremdliche Geräusche: krack, noch einmal krack, dann ein drittes Mal krack. Es sind die drei Schüsse, die in sechs Sekunden die Welt veränderten.