Die Prostitution ist das älteste Gewerbe der Welt, es wird sie immer geben – diese Aussagen stellt die Zeitschrift Emma mit ihrem "Appell gegen die Prostitution" derzeit infrage. Das Ziel: die 2002 eingeführte Legalisierung der Prostitution wieder rückgängig machen. Das Gesetz schütze nicht vor Ausbeutung und Ächtung, lautet die Begründung. Vielmehr fördere es die "moderne Sklaverei". Tatsächlich war das schon im Mittelalter der Fall.

Anna von Ulm ist keine Unbekannte in der schwäbischen Stadt Nördlingen. Viele Bürger erkennen sie, als sie eines Vormittags im Jahr 1472 ihre Wohn- und Arbeitsstätte in der Frauengasse verlässt. Trotzdem grüßt sie niemand. Keiner nickt ihr zu. Anna von Ulm ist eine Prostituierte. Sie arbeitet mit elf anderen Frauen im Frauenhaus, dem städtischen Bordell. Doch heute ist sie auf dem Weg zum Rathaus. Sie will im Prozess gegen das Paar Barbara Taschenfeind und Leonhart Freyermut eine Aussage machen. Die ehemaligen Pächter des Bordells haben sich einiges zu Schulden kommen lassen.

"Sie zwingen mich ich soll Geld zu unziemlichen Zeiten verdienen, nämlich in den heiligen Samstagnächten, wo wir die würdige Mutter Gottes ehren und solches Werk vermeiden sollten", berichtet Anna von Ulm dem Nördlinger Rat. Ihre Aussage ist Teil einer Prozessakte aus dem 15. Jahrhundert, eine einzigartige Quelle über die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Prostituierten im Mittelalter.

Obwohl die christliche Kirche Lust und Sinnlichkeit als Sünde betrachtete, war die Prostitution im Mittelalter nicht verboten. Im Gegenteil: Dirnen hatten einen festen Platz in der mittelalterlichen Gesellschaft. Unverheirateten Männern stand es frei ihre sexuellen Bedürfnisse mit Prostituierten zu befriedigen. Frauen wie Anna von Ulm standen in der sozialen Hierarchie weit unten, aber sie mussten sich nicht verstecken. Auf Festen und Umzügen war sie gern gesehen. Auf Hochzeitsfeiern galt sie als Glücksbringer und wurde beschenkt. Wie heute war die Prostitution im Mittelalter ein legales Geschäft.

Das Frauenhaus war ein Barbetrieb mit kleinen Separees, wohin sich Freier und Dirne zurückziehen konnten. Nicht jeder Gast war dort, um Sex zu kaufen. Weinausschank und Geselligkeit machte das Frauenhaus als Gaststätte attraktiv. Die Kundschaft kam aus allen Gesellschaftsschichten: Studenten, Gesellen, Handwerker, sogar Priester kamen zu Anna von Ulm. Sie musste mit jedem ins Kämmerchen gehen. Abweisen durfte sie keinen. Zwei Pfennige erhielt sie von jedem Freier, so viel wie ein Pfund Kalbfleisch kostete.

Das Bordell kam dem Stadtrat gelegen

Verboten war das Frauenhaus nur für verheiratete Männern, doch wo kein Kläger da kein Richter. Andreas Lamprecht, verheiratet und Stadtrat von Nördlingen, war genau wie seine Kollegen Stammgast bei Freyermut und seinen Dirnen. Als Stadtrat hatte Lamprecht ein vitales Interesse an den Geschäften in der Frauengasse. Das Bordell gehörte der Stadt, Freyermut hatte es nur gepachtet. Klingelte seine Kasse, klingelte auch das Stadtsäckel. 

Ehe Freyermut das Frauenhaus führen durfte, musste er einen Eid schwören: Es war ihm erlabut, nur solche Frauen in sein Haus aufzunehmen, die diesen Beruf freiwillig ausübten. Die Dirne durfte nicht aus Nördlingen stammen und mussten bereits anderswo als Prostituierte gearbeitet haben. Freyermut sollte ein Umfeld schaffen, in denen die Dirnen ihrem Gewerbe nachgehen konnten.

Als Zuhälter profitierte er von ihrer Arbeit, musste sich aber an eine Reihe von Vorschriften halten. Die Kirche verbot zum Beispiel das unsittliche Gewerbe an Feiertagen, also an allen Sonntagen, und in den Nächten davor. Anders als heute waren die Pforten des Frauenhaus also am Samstagabend geschlossen. Auch die Sexualpraktiken unterschieden sich. Nicht alles konnte der Freier gegen Aufpreis bekommen. Analverkehr galt als pervers und konnte mit dem Tode bestraft werden.