Der verkannte Zweite hinter Darwin

Alfred Russel Wallaces Triumph war zugleich seine bitterste Niederlage: Gemeinsam mit Charles Darwin stellte er die Evolutionstheorie auf. Nur um danach fast ein Jahrhundert lang in Vergessenheit zu geraten. Mit seinem 100. Todestag soll sich das ändern, Wallace endlich seinen angemessenen Platz in den Geschichtsbüchern finden. Die Erinnerung an den Mann erzählt von einem der größten Wissenschaftsskandale der Vergangenheit.

Ihren Höhepunkt erreicht diese Geschichte im Juli 1858 mit einer Lüge. Wallace und Darwin "haben ihre Studien nun uneingeschränkt in unsere Hände gelegt, wir halten es im Interesse der Wissenschaft für das Beste, dass Auszüge" veröffentlicht werden – mit diesen Worten geben die renommierten Forscher Charles Lyell und Joseph Hooker frei, was die Wissenschaft revolutionieren wird: die Evolutionstheorie. In Form mehrerer Aufsätze, das Werk ihres Freundes Darwin setzen die beiden bewusst an die erste Stelle. 

Anders als behauptet, weiß Alfred Russel Wallace von der Veröffentlichung nichts. Es ist ein Betrug, der dem passionierten Naturforscher die Einträge in die Wissenschaftsgeschichte für Jahrzehnte verwehrt.

Bereits mit 14 Jahren verließ Wallace die Schule. Als achtes Kind einer armen Familie muss er früh selbst für seinen Lebensunterhalt sorgen, eine Universität besuchte er nie. Vielmehr bringt sich der gelernte Landvermesser sein ganzes Fachwissen selbst bei. Inspiriert von den großen Entdeckern seiner Zeit, will auch er hinaus in die Welt.

Und so reiste er trotz steter Geldsorgen getrieben von wissenschaftlicher Neugier gleich zwei Mal in tropische Regionen. "Ein teures und lebensgefährliches Unterfangen in der damaligen Zeit", sagt der Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera  von der Universität Kassel, der jüngst das Buch Design-Fehler in der Natur über Wallace herausgegeben hat.

Wallace, der Rebell

Tatsächlich endet die erste Reise des Freidenkers mit einer Tragödie. Im Alter von 25 bricht Wallace in die Amazonasgebiete auf, um Pflanzen und Tiere zu sammeln. Er konserviert Tausende Exemplare, verlädt Papageien, Affen und andere Tiere. Doch auf der Rückfahrt sinkt das Schiff, allein wenige Handzeichnungen kann er retten.

Sein Forschergeist war damit jedoch nicht gebrochen. "Ich sah zahlreiche Meteore, ich hätte in keiner besseren Position sein können, um sie zu beobachten, als mitten im Atlantik auf dem Rücken liegend", schrieb der Forscher später über seine Nacht im Rettungsboot. Für George Beccaloni, nur eine von vielen Anekdoten, die zeigen, was für ein Mensch der Brite war. "Wallace war Wissenschaftler durch und durch. Sein Leben galt der Forschung", sagt Beccaloni, der das Wallace Correspondance Project gegründet hat und Kurator der Wallace-Sammlung des Natural History Museums in London ist.

1854 trat Wallace seine zweite Reise an. 20.000 Kilometer wird sie ihn durch das Indo-Malaiische Archipel führen, mehr als 125.000 Käfer, Vögel und Säugetiere wird er sammeln. Mit im Gepäck: Den Wunsch, den Ursprung der Arten zu erklären.

Hier spielt bereits einer der Männer eine wichtige Rolle, die Wallace später um seinen verdienten Ruhm bringen. Der Geologe Charles Lyell hatte in seinem Werk Principles of Geology die Thesen des bereits verstorbenen Jean-Baptiste de Lamarck kritisiert. Dieser hatte die Veränderlichkeit der Arten postuliert und vorgeschlagen, dass die Vererbung erworbener Körpereigenschaften zur Variation und Artentransformation führe. Für Wallace Grund genug, sich mit dem Thema näher zu befassen. "Wenn Wallace von einer Sache überzeugt war, hat er immer gegen die Fachautoritäten argumentiert und eigene, gut begründete Thesen vertreten", sagt Ulrich Kutschera.

Die schwarzen Linien in der Karte des Malaiischen Archipels von 1869 zeigen die Route des Naturforschers Alfred Russel Wallace. Die roten Linien zeigen Vulkanketten an.

So stellt sich Wallace 1855 schließlich mit seinem Sarawak-Aufsatz gegen den damals bibeltreuen Lyell auf die Seite der Wissenschaft. "Ich war ziemlich allein und während der Abende und nassen Tage hatte ich nichts zu tun, als über meinen Büchern und das Problem zu brüten", schrieb er später in seiner Autobiografie.

Wallace erkannte den Zusammenhang zwischen geologischen Veränderungen der Erde, der geografischen Verbreitung der Tiere und dem Wandel der Arten. "Allerdings war der Beitrag konfus verfasst und wenig überzeugend", erklärt Kutschera die geringe Wirkung in der damaligen Wissenschaftswelt.

Im Kreis der ganz Großen

Weltkarte mit den Zoogeographischen Regionen nach Alfred Russel Wallace, 1876.

Mit Wallaces Ternate-Essay sollte sich das ändern. Im Februar 1858 ereilte ihn in Indonesien ein starkes Fieber. "Jeden Tag musste ich mich während der kalten und heißen Schübe niederlegen und hatte nichts zu tun, als mir über das Gedanken zu machen, was mich speziell interessierte", beschreibt Wallace die Situation. Er habe sich gefragt: Warum überleben die einen, während die anderen sterben? "Und die Antwort war klar: Im Ganzen überlebt, wer am besten angepasst ist." Je mehr er darüber nachgedacht habe, desto überzeugter sei er gewesen, dass er das Gesetz für den Ursprung der Arten gefunden hatte.

Das Verhalten von Darwin und seinen Freunden verstieß gegen jede Etikette.
George Beccaloni, Natural History Museum, London

Das Manuskript schickte er an Lyell, allerdings über Darwin als Mittelsmann. "Denn Lyell war die bedeutende Forscher-Persönlichkeit, ihn wollte Wallace mit seinen Argumenten zum Mechanismus des Artenwandels überzeugen", sagt Kutschera. Doch was folgte, war keine fundierte Diskussion.

Darwin leitet das Manuskript nicht sofort weiter – hatte er doch selbst seit Jahren ein dickes, noch unveröffentlichtes Werk in der Schublade liegen, deren Seiten dieselbe Idee bargen. Was also tun? Er hält Rücksprache mit seinen engen Freunden Lyell und Hooker und bereits zwei Wochen später liegen der Linnean Society beide Aufsätze vor. Sie werden veröffentlicht mit Darwins Schriftstück zu Beginn und verbreiten sich wie ein Lauffeuer in der Forschergemeinde.

Wallace auf seiner Insel bekam von alldem nichts mit, das Dreier-Gespann im fernen Großbritannien versuchte gar nicht erst ihn zu kontaktieren. "Das verstieß schon damals gegen jede Etikette", sagt George Beccaloni.

Der Außenseiter vergibt seinem Idol

Unklar ist, ob Darwin sich nicht noch rasch an Ideen seines Konkurrenten bediente. Der Zoologe Matthias Glaubrecht vom Museum für Naturkunde in Berlin schreibt in seinem Buch, Darwin habe der Welt vorenthalten, dass er nach der Lektüre von Wallace die betreffenden Passagen in seinem eigenen Werk neu und ausführlicher formuliert hat. "Das Prinzip beschreibt er bereits 1857 unabhängig von Wallace, meint zudem etwas anderes – und ergänzt es dann in den kritischen Tagen des Juni 1858", sagt Glaubrecht. Erst mit der Autobiografie Darwins nach dessen Tod habe Wallace geahnt, was sich zugetragen hatte.

Ulrich Kutschera ist dennoch überzeugt, dass Wallace Darwin keine Vorwürfe gemacht hat. Zu entspannt sei der Außenseiter mit der Situation umgegangen: Sein wichtigstes Buch, The Malay Archipelago von 1869, ist seinem Vorbild Darwin gewidmet. Er habe sogar nach dem Tod des Naturforschers 1882 immer wieder hervorgehoben, dass dieser der Urvater des Selektionsprinzips sei, weil er es viel umfassender begründet hätte, als er selbst. "Wallace hatte eine Eingebung, die er auf Ternate niedergeschrieben hat, Darwin aber hat zwanzig Jahre lang Fakten zur natürlichen Selektion gesammelt", sagt der Evolutionsbiologe. Ohne Darwins akribische Arbeit hätte sich das Auslese-Prinzip niemals durchgesetzt. Das habe Wallace zeitlebens neidlos anerkannt.

Vielleicht wollte er es sich aber auch nur nicht mit den Großen verscherzen. "Es mag sein, dass Wallace seinem Idol vergeben hat", sagt George Beccaloni. Das ändere jedoch nichts an dessen Fehlverhalten. "Würde ein Forscher heute so etwas machen, wäre es ein riesiger Skandal."

Als er am 7. November 1913 starb, war Wallace zwar weltbekannt und Träger wichtiger Auszeichnungen. In seinem Nachruf schrieb sein Freund Eduard B. Poulton: "Mit dem Tod von Alfred Russel Wallace geht eine Generation großer Forscher zu Ende, wie Darwin, Lyell oder Huxley." Er gehörte in den Kreis der ganz Großen. Doch die Evolutionstheorie geriet in Vergessenheit und mit ihr auch Wallace.

Zwanzig Jahre später erst erkennt die Forschung den Wert der Theorie. Die Evolution feiert ihren Durchbruch und mit ihr der verstorbene Charles Darwin. Er geht als wohl berühmtester Naturforscher in die Geschichte ein. Wallaces Name bleibt praktisch ungenannt. "Auf Anraten Darwins hatte sich Wallace noch zu Lebzeiten aus dem Forschungsbereich zurückgezogen", erzählt Beccaloni. "Also hat er sich näher mit der Verbreitung der Tiere beschäftigt und die Zoogeografie begründet." Die manipulierte Veröffentlichung tat dazu ihr Übriges. Wer die Geschichte der Evolutionstheorie recherchierte, stieß zunächst stets auf Darwins Namen.  

Das Interesse ist erwacht

Dabei war Wallace in seinen Gedanken viel weiter als Darwin je kam. "Er hat sich immer gegen eine Vererbung erworbener Körpereigenschaften ausgesprochen und hat diese These auch schon 1858 ad absurdum geführt", erklärt Kutschera. Darwin war hingegen Lamarckist – Wallace war diesbezüglich anderer Ansicht und hat damit die Neo-Darwinsche Theorie der biologischen Evolution mit etabliert."

Erst in den vergangenen zwei Jahrzehnten ist das Interesse aufgrund des Engagements Einzelner an Wallace wieder erwacht. "Heute wird er in Fachkreisen als Evolutionsforscher, Humanist, Freidenker, Systematiker, Mitbegründer des "Darwin-Wallace-Prinzips der natürlichen Selektion" und der Neo-Darwinschen Theorie, Urvater der Astrobiologie und der Zoogeografie sowie als Vordenker der Naturschutzbewegung gewürdigt", weiß Kutschera. "So bedeutende Männer werden immer seltener."

Wallaces Lebensgeschichte zeige, dass ureigenes Interesse, Selbstmotivation, oder Faszination entscheidend für den Erfolg in der Wissenschaft sind, sagt Kutschera.

An seinem 100. Todestag wird Wallace nun erstmals mit einer Statue geehrt. Schmetterlinge fangend und in Bronze gegossen steht er dann auf einem Platz vor dem Natural History Museum in London – mit Blick auf das Darwin-Center.

Die Bronze-Statue zeigt den jungen Alfred Russel Wallace samt Kescher, bereit, Schmetterlinge zu fangen. © Anthony Smith